Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1869)
- Date
- 1869-10-26
- Page
- Seite 858 (sequence 2)
- Language
- German
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858 dabei hauptsächlich auf die Art und Qualität der Schulen an, und inwieweit von Seiten des seit Jahrhunderten eingewurzelten Stabilismus ihrer Thätigkeit und Wirksamkeit nicht schwere Hindernisse bereitet werden; jedenfalls kann hierdurch nur ein sehr langsamer Erfolg erzielt werden, der bei dein unerträglichen Drucke der Berhältnisse stets zweifelhaft bleiben wird. Die Anlegung von Fabriken, welche in Vorschlag gebracht worden, ist vager Natur. Eine nicht auf natürlichem Wege, d. h. aus dem eigenen Bedürfniß und Geiste hervorgegangene Industrie hat keinen Bestand, erfordert ungeheure Summen, und siecht bald hin. Ohne daher alle diese aufgeführten Hülfsmittel ans den Augen zu verlieren, kann man nach der Logik der Thatsachen dock nur zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Auswanderung eines großen Theiles der jüdischen Bevölkerung aus diesen Provinzen das alleinige Hülfsmittel ist, das baldige und dauerhafte Resultate erwirken kann. Diese Auswanderung würde für eine große Zahl der Auswandernden selbst Wohnplätze ermöglichen, wo sie ihre Kräfte zu Erwerb und nützlicher Thätigkeit zu verwenden vermöchten, dem zurückbleibenven Theile einen größeren Spielraum verschaffen und ihn von großer Last befreien; gerade dadurch würde aber auch beiden Theilen eine freiere geistige Luft geschafft und die geistige Hebung dieser ganzen Masse erleichtert werden. Hindernisse. Die Schwierigkeiten, die sich der Auswanderung entgegenstellen, liegen: I) in der russischen Gesetzgebung, welche die Auswanderung nach dem Auslande überhaupt verbietet, oder doch von der schwer zu erlangenden Erlaubniß für Einzelne abhängig macht, die Auswanderung nach dem russischen Inlands den Juden zum größten Theile versagt, da sie diese nur für die Kaufleute erster und zweiter Gilde gestattet, den jüdischen Handwerkern aber nur auf einjährige Pässe erlaubt, wodurch eine wirkliche Niederlassung, die allein das eigentliche Ziel der Auswanderung sein kann, verhindert ist. 2) In den großen Geldmitteln, die dazu erforderlich wären, da nicht allein die Transport-, sondern auch die Existenzmittel während einiger Zeit gesichert werden müssen. 3) In 'der richtigen Auswahl der zur Auswanderung zu Unterstützenden. 4) In der richtigen Wahl der Auswanderungsziele. Die k. russische Regierung. Bon der k. Staatsregierung, wenn nicht die gänzliche Aufhebung, doch die Milderung der beschränkenden Bestimmungen zu erlangen, ist ebenso ein wesentliches Moment für diese ganze Angelegenheit, wie schwierig. Gegenüber dem erdrückenden Nothstande, der Unmöglichkeit diesem anders als durch Auswanderung abzuhelfen, der Gewißheit, daß die gelichtete jüdische Bevölkerung bei Weitem steuerfähiger und wirthschaftlich nützlicher werden würde, kann man wenigstens eine allmälige Erleichterung erwarten. Es empfiehlt sich daher zunächst die Abschaffung des jährlichen Paßzwanges für die jüdischen Handwerker, dann die Verwendung jüdischer Arbeiter zu Fabrik-, Tagelöhner- und Feldarbeit außerhalb jener Provinzen, die Erleichterung des Handelsverkehrs jüdischer Handelsleute, die nicht zu den beiden ersten Gilden gehören, im russischen Jnlande, und endlich die Möglichkeit des Austritts jüdischer Familien aus dem russischen Unterthanenverband zu erlangen. Die Geldmittel. Es ist einleuchtend, daß es bei der Auswanderung sich nicht sofort um die alsbaldige Uebersiedelung großer Mafien, ja Hunderttausender, auf ein Mal handeln könne. Es gilt vielmehr die Auswanderung einleiten, regeln, erleichtern und nach und nach immer mehr steigern, da es einerseits auch auf die Auswanderungslust, wie weit sie vorhanden sei, ankommt, andererseits daß die Auswandernden, so weit dies möglich ist, einem guten Ziele zugeführt werden, um nicht durch die Auswanderung blos den Schauplatz ihres Untergangs zu wechseln. Eine plötzliche mafienhafte Auswanderung würde eher zu Letzterem, als zu einem gedeihlichen Ziele führen. Nichts verhindert ein großes Werk, dessen Segen man einsieht, als die Hast, es sofort und mit Einem Male ausgeführt sehen wollen, weil es dadurch so ungeheure Mittel erforderte, die gar nicht zu beschaffen wären, und der Endzweck schwerlich erreicht würde. Die Auswanderung muß also allmälig stattfinden, weil dadurch auch die Auswandernden einander nicht selbst hinderlich würden und sich zuletzt wieder in zu großer Menge an denselben Plätzen einfänden. Ist erst der Anfang in rechter Weise geschehen, so wächst eine Emigration von selbst. Zu einer allmäligen Auswanderung lassen sich aber die Geldmittel finden, und mit dem wachsenden Erfolge wird die bereits so schön bewährte Opferwilligkeit der auswärtigen Glaubensgenossen und Menschenfreunde wachsen. Sind erst alle übrigen Wege geordnet, so läßt sich leicht eine Centralisirung der Geldmittel Herstellen. Die Auswahl der Auswanderer. Die Bedingungen für die Auswanderer lassen sich leicht aufstellen: Wille, Befähigung und Gesundheit sind die wesentlichsten.