Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1869)
- Date
- 1869-10-19
- Page
- Seite 843 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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843 Breslau, 3. Oktbr. (Privatmitth.) Ueber der confessionellen Schulfrage waltet ein eigenthümlicher Stern; sie ist zwar seitens der Oberbehörde und des Ministeriums als zeitweise erledigt zu bettachten, allein die Stadtverordneten unserer Residenz glauben sich immer noch nicht bei diesem Resultat beruhigen zu können, wie überhaupt alle Streitigkeiten und Zwiste, welche die Religion betreffen, erfahrungsgemäß die Parteien am heftigsten erbittern und auch nach ihrer scheinbaren Beseitigung noch erhebliche Nachwirkungen verspüren lassen — „Die Geister, die ick rief, ich werd' sie nimmer los/' — Wie ich Ihnen seiner Zeit mittheilre, hat der Magistrat den in der konfessionellen Schulfrage ergangenen Bescheid seitens des Provinzialschulkollegiums v. 6. Aug. d. I. der Stadtverordnetenversammlung mit dem Bemerken abschriftlich zugesandt, daß er beschlossen habe, auf eine weitere Correspondenz in dieser Angelegenheit sich für jetzt nicht einzulassen. Die Stadtverordnetenversammlung hat von dieser Mittheilung Kenntniß genommen und beschlossen, die Vorlage der Schulkommission zur Aeußerung zu überweisen. Diese Kommission empfiehlt nunmehr: „Der Ansicht des Magistrats die Sache auf sich beruhen zu lassen, nicht beizutreten, sondern Magistrat zu ersuchen in Gemeinschaft mit der Stadtverordnetenversammlung eine neue Petition resp. Beschwerde dem Hause der Abgeordneten zu überreichen." Ueber diesen Kommissionsantrag wird in einer der nächsten Sitzungen Berathung gepflogen werden, worüber weiterer Bericht folgt. — e- — Breslau, 7. Octbr. (Privatmitth.) Am jüngst verflossenen Simchas Thora waren es 100 Jahre, daß die im sogenannten Seilerhofe dahier stehende Synagoge der orthodoxen Gemeinde eingeweiht .und dem öffentlichen Gottesdienst übergeben worden ist. Der Bedeutung des Tages gab eine Rede des Herrn Landesrabbiner Tiktin Ausdruck. — Derselbe ist vorgestern von Sr. Majestät dem König von Preußen mit dem rothen Adlerorden IV. Klasse dekorirt worden. — Q- — Breslau, 8. Octbr. (Privatmitth.) Die statistischen Nachrichten über das Schulwesen in Preußen, die den neuesten Stand des Unterrichtswesens in wünschenswerther Weise erschöpfen, bringen unter anderem auch einen Passus, in welchem die Vertheilung der nach der Confessio« geschiedenen Schüler in den höheren Schulen-auf die Gesammtbevölkerung gleichen Religionsbekenntnisses provinzenweise berechnet wird, wobei in der That erstaunliche Resultate zu Tage treten. Für den ganzen Staat wurde gefunden, daß ein preußischer Schüler in den höheren Schulen überhaupt auf 283 Bewohner kommt, ein evangelischer Schüler dieser Schulen auf 243 Evangelische, ein katholischer auf 462 Katholiken und ein jüdischer auf 5 3 Juden. Der Vergleich der Zahl der höheren Schüler jedes Glaubensbekenntnisses mit der Zahl der gleichzeitigen Elementarschüler derselben Bekenntnisse ergibt Folgendes: Es kommt 1 preußischer höherer Schüler überhaupt auf 23 Elementarschüler, 1 evangelischer auf 20 evangelische, 1 katholischer auf 38 katholische, 1 jüdischer auf 4 jüdische Elementarschüler, bei welch letzterer Zahl man sich allerdings der Thatsache erinnern muß, daß von 49292 schulpflichtigen jüdischen Kindern nur 37490 als schulbesuchende und hierunter 19019 Knaben, die allein in Betracht kommen, nachgewiescn sind. Wie viel man von dieser unter den Juden prävalirenden Frequenz der höheren Schulen auch dem Umstande bcimessen will, daß erstere vorwiegend ihre Wohnsitze in den Städten, und keineswegs in den kleineren und kleinsten, mithin auch die bessere Unterrichtsgelegenheit haben, so documentiren die mitgetheilten Zahlen doch offenbar sowohl ein höheres Bildungsbedürfniß als auch das Vorhandensein größerer Mittel zur Bestteitung desselben unter den Juden. Diese Zahlen sind viel wichtiger, als sie zu sein scheinen; ja diese Zahlen sprechen und treten als Zeugen auf für die Juden und geben .die beste Antwort jenen Mohls, R. Wagners und wie sie alle heißen mögen, jene Bekrittler und Befeinder des JudenthumS, die vielfach und allenthalben die Ueberwucherung der Literatur, der Künste und Wissenschaften, der Industrie und des Handels, kurz fast aller Lebenssphären, durch das Judenthum beklagen. Kraft der unter demselben verbreiteten höheren Bildung (soweit die größere Frequenz der höheren Schulen ein Beweis hierfür ist) stellt das Judenthum natürlich ein größeres Contingent zu jenen Kreisen, welches dadurch weiter anschwillt, daß den Juden durch Gesetz, Gewohnheit und Vorurthell von beiden Seiten manche andere Beschäftigungen verschlossen sind. Wir nennen hier das