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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-12 · Heft 41 (12.10.1869) · p. Seite 836

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 41 (12.10.1869)
Date
1869-10-12
Page
Seite 836 (sequence 20)
Language
German
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836 Kopfe, dem weißen Flecken auf seiner Brust, dem schwarzen Streifen längs des Rückens auf beiden Seiten. Einige Zeit war vergangen, und es war ein stattliches Thier geworden, überaus zierlich an Gestalt und mit der Flüchtigkeit des Windes vorübereilend. Wie es das Köpfchen hochstreckte und die schlanken Füße vor sich hinwarf! Ein Jahr später, und es bewegte sich langsamer und erschien nur noch in den dichtesten Partien des Waldes; auf die Wiesen und in die Lichtungen getraute es sich nicht mehr, es inochte einmal einen Schuß erhalten haben, denn es hinkte mit dem rechten Hinterfuß. Das Thier war traurig und seine Gestalt verfallen, inan sah, daß es nur noch von der Gnade des Försters lebte, der es, wenn er wollte, jeden Augenblick finden und niederwerfen konnte. Das machte mich traurig. Ich brauche die Anwendung nicht zu machen. Wer wie ich als Jugendlehrer mehrere Generationen hat an sich vorüber wandeln, und viele zarte Kinder zu Männern und Frauen heranwachsen, nicht wenige von ihnen vor seinen Augen in das Grab sinken, andere altern und zu dem Silberhaar des Greises sich wandeln gesehen, wohl auch nachdem er Kinder und Enkel derselben zum Unterrichte erhalten hatte, dem wird es von selbst einkommen, was ich in der Tiefe des Waldes erfahren und empfunden. Das obige Gleichniß führt uns zu einem der einschneidendsten Aussprüche, welche die Schrift enthält. Koheleth im ersten Theile seiner Betrachtungen wirft uns das vernichtende Wort entgegen: TniivN zw Viren inirai TN „der Vorzug des Menschen vor dem Viehe ist nichtig!" Die Motive, aus denen er diese Folgerung zieht, bieten sich leicht. „Was den Menschensöhnen begegnet, begegnet auch dem Viehe," es ist der Tod, der beide glücklicherweise dahin rafft (Koh. 3,19 ff.). Der Zweifel, ob des Menschen Geist ein anderer ist und eine andere Bestimmung hat, als der der Thiere (V. 21), die Betrachtung, daß auch des Menschen Werke hinfällig und vergänglich seien, und er nach seinem Tode von ihnen keinen Genuß mehr habe, führen ihn zu diesem Schmerzensrufe. Die Verfasser unserer Gebete ließen sich einen solchen Ausspruch, um uns zur Demuth anzuhalten, nicht entgehen. Wir begegnen ihm täglich und ganz besonders wiederholt am Bersöhnungstage. Wir braucken nicht erst hervorzuheben, daß der gedachte Ausspruch Koheleth's an sich antibiblisch ist; wir brauchen nicht erst auf den achten Psalm hinzuweisen, wo zwar dem Menschen nicht minder Bescheidenheit und Demuth vor Gott gelehrt, dann aber sein Vorzug herrlich gezeichnet wird: „So ich deinen Himmel schaue, deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die du schufest: Was ist der Mensch, daß du sein denkest Der Menschensohn, daß du sein achtest? ■— Aber du ließest ihn der Gottheit um wenig ermangeln, Kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn, Setztest zum Herren ihn über deiner Hände Werke, Alles legtest du unter seine Füße." Schon die Schöpfungsgeschichte giebt uns die grundlegende Anschauung vom Menschen, der „im Ebenbilde Gottes" geschaffen worden und „zum Herrschen" über alle Geschöpfe der Erde, und das ganze Gesetz baut sich auf diese Anschauungen auf, wie es in dem Satze gipfelt: „Heiliget Euch, wie Gott heilig ist." Aber auch Koheleth selbst führt später gänzlich von jenem Ausspruche ab, wenn er den Geist des Menschen „zu Gott zurückkehren läßt, der ihn gegeben," das Gericht Gottes über jedweden Menschen und sein Thun feiert und schließlich uns zuruft:' „Gott fürchte und seine Gebote wahre!" — denn diese Gottesfurcht und diese Erfüllung göttlicher Gebote begründen einen Vorzug des Menschen vor dem Thiere, wie er nicht größer gedacht werden kann, liegt in ihnen doch die Erkenntniß Gottes und die Freiheit des Willens enthalten. Es ist also offenbar, daß uns Koheleth mit jenem Ausspruche nicht eine wirkliche Wahrheit, einen objektiven Lehrsatz verkünden, sondern nur den Skepticismus bis zu seinem letzten Endschlusse charakterisiren wollte. In der That ist am Menschen genug vorhanden, was an das Thier erinnert, und, wenn er nicht bloß seinen Bedürfniffen nachgeht, sondern wüsten Begierden anheimfällt, sinkt er nicht selten unter das Thier, und letzteres hat den Vorzug der einfachen Befriedigung seines Naturgesetzes für sich. Von der andern Seite ist der Mensch auch allzusehr geneigt, seinen Zusammenhang mit der Natur außer Augen zu setzen und seinen Geist zu einer Sphäre zu erhöhen, in welcher er alle wirklichen Lebensbevingungen verkennt, die Welt außer sich verachtet und sich einen Hochmuth schafft, der verdorrend und verwüstend wirkt. Daraus geht denn auch hervor, was uns jener Ausspruch sein soll. Er bedeutet einerseits eine Warnung, wohin uns die Zweifelsucht führt, die, wenn wir uns ihr ganz hingeben, den Geist entnervt und das Auge blendet, andrerseits eine Mahnung, daß wir das Menschliche und sein Schaffen auf Erden nicht all zu hoch anschlagen, daß Jeder als Einzelwesen seiner Vergänglichkeit, seiner Beschränkung, seiner Abhängigkeit von tausendfachen Bedingungen nicht vergesse. Sind wir doch allesammt mehr oder minder ein angeschoffenes Reh, dessen Dauer auf Erden nur von dem Winke eines höheren Wesens abhängt. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschseld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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