Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1869)
- Date
- 1869-10-12
- Page
- Seite 829 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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829 merken. Sehr viele von den jüdischen Wählern waren nicht erschienen, konnten aber das Versäumniß immerhin Nachmittags noch nachholen. Gegen drei Uhr verbreitete sich die Nachricht von einem Siege der Nationalen auf dem Smichow mit einer Majorität von etwa 30 Stimmen. Dieses — noch unverbürgte — Gerücht verfehlte nicht, beunruhigend, theilweise entmuthigend zu wirken; um halb vier Uhr betrug die Majorität der Verfassungstreuen etwa 50 Stimmen. Das Schicksal der Verfassungs - Candidaten war aber auch schon besiegelt. Noch war der Saal mit Wählern, zumeist israelitischen, vollgesteckt; aber diese verschwanden allmälig, ohne gewählt zu haben. Die Unschlüssigen kamen gar nicht mehr. Punkt 6 Uhr zog ein Haufe von etwa 150 Studenten, Lehrjungen und sonstiger hoffnungsvoller Äugend vom Altstädter Ringe auf den Graben, Slava und lies Slovane! schreiend und die Mützen schwenkend; er verkündigte das Wahlresultat. Bor den eben sich erhellenden Fenstern der „Mestanska Beseda" wurde Halt gemacht und Lärm geschlagen. Einige von den Abgeordneten, die sich dort eben zu der angesagten Besprechung der Declaranten sammelten, traten ans Fenster, später kam Palackh und sprach, vor der imposanten Schaar der Handvoll Lärmmacher ehrerbietig sich neigend, kaum vernehmlich, sein obligates: „Slslva närodu ceskemu!“ Bor dem Rathhause wurde die Polizei in aller Gemüthlichkeit ausgepfiffen, dabei setzte es Spottlieder, sonst wurde — bis jetzt — (7 Uhr Abends) die Ruhe nicht gestört. Bestimmt kann man jetzt schon sagen, daß die Furcht der Israeliten der Hauptgrund unserer Niederlage war. Den besten Dank für ihre den Czechen geleistete Hilfe ernten die Juden aber schon jetzt, wo die Massen nach nationaler Melodie singen: „Zide smrdi“ — und der beliebte Ruf — unser neuestes „Ue Lambert!“ — „Zida, ty jai propad!“ — „Jude, du bist durchgefallen!" — lautet. Zur Smichower Wahl sei für heute nur vorläufig bemerkt, daß den jüdischen Wählern Drohbriefe ins Haus geschickt wurden, in denen geradezu für den Fall einer verfassungstreuen Wahl „das Todtschlagen" der betreffenden Wähler in Aussicht gestellt wurde. Wähler, welche offen und frei, ohne irgendwie dazu gehalten zu werden, ihre Absicht, verfassungstreue Männer zu wählen, erklärt hatten, ergriff im letzten Momente der Schrecken nnd sie entfernten sich heimlich. Die Westbahnbeamten enthielten sich der Wahl. Zwei Kaufleuten, welche verfassungstreu gewählt hatten, wurde von ihren czechischen Hallsherren noch gestern die Wohnung gekündigt. (Unter solchen Umständen ist es erklärlich, daß die Mehrzahl der Juden sich der Wahl enthielten, wodurch freilich zuletzt der Sieg den Czechen verblieb.» Türkei. Aus Bulgarien. Der „Köln. Zeit." berichtet man: „Welchen Begriff die Bulgaren von religiöser Duldung haben, und auf welcher Stufe der Cultur sie stehen, werden die Leser aus folgender Thatsache erfahren. Im März vorigen Jahres zog in Rustschuk ein Schwarm bulgarischer Knaben auf den dortigen jüdischen Friedhof, zerrte die Leiche eines Kindes aus dem Sarge, zerfetzte dieselbe auf's scheußlichste und zerstreute die abgerissenen Stücke in die vier Winde. Der Vater jammerte über den unerhörten Schimpf, welcher dem Leichnam seines Kindes widerfahren, und drang auf Genugthuung. Nicht ohne Mühe gelang es, die Thäter zu entdecken, und diese erklärten beim Verhör, sie seien von ihren Lehrern zu dieser That aufgefordert worden, um die Schmach und die Greuelthaten zu rächen, die einst der Heiland von den Juden erlitten!" Großbritannien. Die Königin hat in letzter Zeit mehreren treuen Anhängern der liberalen Partei die Ritter- resp. Baronetswürdc verliehen. Neuerdings ist der College des Premiers in der Vertretung von Greenwich im Parlament, Alderman Salomons, in den Baronetsstand erhoben worden. Sir David Salomons hat sich zur Zeit um die Juden-Emancipation sehr verdient gemacht, indem er seinen Glaubensgenossen vor mehr als 30 Jahren die officielle Carriöre dadurch eröffnet, daß er sich um den Sheriffsposten von Kent bewarb und hierdurch zahlreiche gerichtliche Entscheidungen sowie später gesetzgeberische Schritte zu Gunsten der Israeliten veranlaßte. Obwohl nicht der erste ins Parlament gewählte Jude, tvar er doch der erste, welcher faktisch seinen Sitz im Unterhanse ein nahm. Sir David hatte muthmaßlich schon vor 13 Jahren die