Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 773 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feiülleton-Skilage M Ür. 38. Leipzig, den 21. September 1869. Zwei kleine Novellen von Boccaccio. Der berühmte italienische Novellendichter Giovanni Boccaccio lgeb. 1313, gest. 1375) hat in seinem „Dekameron" auch drei kleine jüdische Novellen geschrieben, von denen die erste (Tag I. Geschichte 2) ihrer Tendenz wegen uns nicht interessirt, die beiden anderen dadurch merkwürdig sind, daß Lessing aus ihnen zu seinem „Nathan der Weise" geschöpft hat, und die wir deshalb hier wiedergeben wollen, da vielen unseren Lesern das „Dekameron" nicht in die Hände kommen wird und wir nicht einmal wünschen, daß es, namentlich dem jugendlichen Theile in die Hände komme.*) Erste Novelle (Tag I. Geschichte 3). Saladin, dessen Tapferkeit so groß war, daß sie ihn nicht nur von einem geringen Manne zum Sultan von Babylon erhob, sondern ihm auch vielfache Siege über saracenische und christliche Fürsten gewährte, hatte in zahlreichen Kriegen und in großartigem Aufwand seinen ganzen Schatz geleert, und wußte nun, wo neue und unerwartete Bedürfnisse wieder eine große Geldsumme erheischten, nicht, wo er sie so schnell, als er ihrer bedurfte, auftreiben sollte. Da erinnerte er sich eines reichen Juden, Namens Melchisedech, der in Alexandrien auf Wucher lieh und nach Saladins Dafürhalten wohl im Stande gewesen wäre, ihm zu dienen, aber so geizig war, daß er von freien Stücken es nie gethan haben würde. Gewalt wollte Saladin nicht brauchen; aber das Bedürfniß war dringend, und es stand bei ihm fest, auf eine oder die andere Art müsse der Jude ihm helfen. So sann er denn nur auf einen Vorwand, ihn zwingen zu können. Endlich ließ er ihn rufen, empfing ihn auf das freundlichste, hieß ihn neben sich sitzen und sprach alsdann: „Mein Freund, ich habe schon von Vielen gehört, Du seiest weise und habest besonders in göttlichen Dingen tiefe Einsicht; nun erführe ich gerne von Dir, *) Wir bedienen uns hierbei der ausgezeichneten Übersetzung von Karl Witte (Leipzig 1843). welches unter den drei Gesetzen Du für das wahre hältst, das jüdische, das saracenische, oder das christliche." Der Jude war in der That ein weiser Mann und erkannte wohl, daß Saladin ihm solcherlei Fragen nur vorlegte, um ihn in seinen Worten zu fangen; auch sah er, daß, welches von diesen Gesetzen er vor den anderen auch loben möchte, Saladin immer seinen Zweck erreichte. So bot er denn in der Geschwindigkeit seinen ganzen Scharfsinn auf, um eine unverfängliche Antwort, wie sie ihm noch that, zu finden, und sagte dann, als ihm plötzlich eingefallen war, wie er sprechen sollte: „Mein Gebieter, die Frage, die Ihr mir vorlegt, ist schön und tiefsinnig; soll ich aber meine Meinung darauf sagen, so muß ich Euch eine kleine Geschichte erzählen, die Ihr sogleich vernehmen sollt. Ich erinnere mich, oftmals gehört zu haben, daß vor Zeiten ein reicher und vornehmer Mann lebte, der vor allen anderen auserlesenen Juwelen, die er in seinem Schatze verwahrte, einen wunderschönen und kostbaren Ring werth hielt. Um diesen seinem Werthe und seiner Schönheit nach zu ehren und ihn auf immer in dem Besitze seiner Nachkommen zu erhalten, ordnete er an, daß derjenige unter seinen Söhnen, der den Ring, als vom Vater ihm übergeben, würde vorzeigen können, für seinen Erben gelten und von allen den Andern als der vornehmste geehrt werden sollte. Der erste Empfängen des Ringes traf unter seinen Kindern ähnliche Verfügungen und verfuhr dabei, wie sein Vorfahr. Kurz der Ring ging von Hand zu Hand auf viele Nachkommen über. Endlich aber kam er in den Besitz eines Mannes, der drei Söhne hatte, die sämmtlich schön, tugendhaft und ihrem Vater unbedingt gehorsam, daher auch gleich zärtlich von ihm geliebt waren. Die Jünglinge kannten das Herkommen in Betreff des Ringes, und da ein Jeder der Geehrteste unter den Seinigen zu werden wünschte, baten alle drei den Vater, der schon alt war, einzeln auf das Inständigste um das Geschenk des Ringes. Der gute Mann liebte sie Alle gleichmäßig und wußte selber keine Wahl unter ihnen zu treffen; so versprach er denn den Ring einem Jeden und dachte auf ein Mittel, Alle zu befriedigen. Zu dem Ende ließ er heimlich von einem geschickten Meister zwei andere Ringe anfertigen, die dem