Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- Seite 736 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226728--27575-3263161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
736 und Gesellschaft" sagen. Sobald auf irgend einem Gebiete einige Juden hervortreten und einer .Strömung folgen, die Einem nicht gefällt, hat man den Titel fertig, und die Gleichgesinnten gewonnen — Jedermann weiß nun schon, daß es gilt, die üblen Wirkungen der Juden auf diesem Gebiete zu schildern, und den Eintritt der Juden in diese Carrwre als einen Wendepunkt zum Verderben und zum Untergang zu bezeichnen. Hierzu kommt noch, daß Wagner mit seinem Titel ja nicht blos die Juden meint, sondern die ganze ihm verhaßte Richtung mit ihren ganzen, die gegenwärtige Welt beherrschenden christlichen Anhängern, die sich von den Juden nur am Gängelbande leiten lassen. Die Juden allein als die Urheber und thätigen Faktoren des liberalen Wesens anzuklagen, ist bereits etwas abgenutzt worden, und schmeckt nicht mehr. Man meint also die ganze große Partei, und schiebt deren Verderbniß nur den Juden in die Schuhe. Man wird sich also nicht wundern, wenn man in der „Kreuzzeitung" einem ausführlichen Artikel unter der oben angeführten Aufschrift begegnet. Die „Kreuzzeitung" hat, wie unser Berliner Correspondent besprochen, jüngst die jüdische Synode als ein Symptom des nach der Herrschaft ringenden Strebens der Juden bezeichnet. Wie sollte das nicht einen Mitarbeiter dieses feudalen Blattes ermuntern, den Wagner'schen Gedanken auf die Juden im Staate und in der Gesellschaft anzuwenden? Er verleugnet auch nicht diesen Ursprung seines Aufsatzes, nimmt von jenem Libell seinen Ausgangspunkt, und geht dabei ganz so zu Werke, wie wir oben gezeichnet haben. Obschon sich die Redaktion verwahrt, mit jedem einzelnen Satze des Berf. übereinzustimmen, so steht Letzterer doch mit beiden Füßen auf dem Boden der Kreuzzeitung, und befolgt die altgewohnte Methode derselben. Worin besteht diese Methode? Man trennt die altorthodoxen Juden von allen denen, welche irgendwie der civilisirten Welt sich genähert haben; man malt jene als Ideale der Frömmigkeit, der Tugend, der guten Sitte, und diese als Gesellen des Satans, als Kinder der Hölle. Nun ist man fertig: man war gerecht gegen die Juden, und hat somit das Recht erworben, den Rest derselben, und wäre er hundert Mal so groß wie jener Kern, als Scheusale in den Abgruud zu werfen. Das ist eine sehr leichte Methode. Sie zeugt zwar nicht von großer Kenntniß der Wirklichkeit, von wahrer Billigkeit und aufrichtigem Ernste — aber man besticht doch damit die Vielen, die, ohne gerade für Judenfeinde gelten zu wollen, sich doch freuen, den Juden etwas am Zeug geflickt zu sehen, giebt den eigenen Anhängern, die selbst nicht denken können, Waffen in die Hände, ein so fein abgeriebenes Systemchen, eine so plausible Schilderei, und, was die Hauptsache ist, hat seiner aufgehäuften Galle in einer Form sich entledigt, die den Geruch und den Geschmack dieser unangenehmen Flüssigkeit abgeschwächt hat. So verfährt denn auch der Verfaffer. Er trennt die „wirklichen" Juden von den „emancipirten" Juden. Wen meint er unter den Elfteren? Er sagt: „Keineswegs können die wirklichen Juden, d. h. diejenigen, welche ihre Religion und ihre Nationalität treu bewahrt haben, hierbei irgendwie in Betracht kommen. Sie sind reine Orientalen; ihre Art zu denken und zu fühlen, ihre Sitten und Gewohnheiten lassen sie als völlig Fremde erscheinen. Sie wollen sich auch gar nicht in die europäische Cultur hineindrängen; aufrichtig und zuversichtlich halten sie an ihrem Glauben fest, daß der Messias dereinst erscheinen und das heilige Jerusalem wieder aufrichten werde. Sie betrachten sich als Verbannte, die in ihrer kleinen Gemeinschaft einen schwachen Ersatz für die verlorene und ersehnte Heimath finden, und sie weichen der Berührung mit der übrigen Welt geflissentlich aus, soweit sie nicht lediglich der Gelderwerb zum Verkehr mit Andersgläubigen nöthigt. Ja, sie fürchten, sich durch diese Berührung zu beflecken; ihre Wohnungen, ihr Hausgeräth, ihre Speisen suchen sie rein und unversehrt zu erhalten, und ebenso kennen sie nur eine Geistesnahrung: das Gesetz und dessen Commentar den Talmud." Diesen so geschilderten Juden schreibt er „eine Menge erhabener, bewunderungswerther Tugenden" zu: „das Gefühl der Verbrüderung aller Stammgenossen," „die Mäßigkeit," „eine außerordentliche Vorliebe für geistige Thätigkeit," „die tief eingewurzelte Pietät für vas ganze Familienleben," endlich „Rechtschaffenheit und Treue." Diese Juden stellen ihm „ein geschloffenes Ganzes dar, welches sich jeder Einwirkung nach außen enthält." Die „Emancipation nützt ihnen so gut wie nichts, weil sie selbst sich weder emanzipiren wollen noch können." — Jenen stehen nun die emanzipirten Juden entgegen. Wie sind diese beschaffen? Ehe sie „in Staat und Gesellschaft eine gleichberechtigte Stellung einnehmen wollen, müssen sie vorher aufhören, wirkliche Juden zu sein"; denn „es bleibt von der jüdischen Religion als