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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-07 · Heft 36 (7.9.1869) · p. Seite 732

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 36 (7.9.1869)
Date
1869-09-07
Page
Seite 732 (sequence 20)
Language
German
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732 den hochgelehrten Mann aus dem Schweizerlande befremden? — Sicherlich aber geschieht dies nur, um aus dem Munde Mendelssohn's uns die Antwort vernehmen zu lasten, daß das betr. Buch, I»o,-öd Nebuchim iFrüher der Irrenden,» bezeichnet, in seinen Jünglingsjahren seine Lieblingslectüre gewesen. — Das zweite Buch, das dem frommen Theologen in die Augen fällt, ist Klopstocks Messiade, — und auf die, ebenfalls höchst sonderbar klingende, an Mendelssohn gerichtete Frage, ob er denn auch dieses Gedicht gelesen? vernehmen wir die Antwort: „Warum denn nicht? Wie Homer und Virgil, — wegen der Schönheiten, die darin zu finden." — Nichts jedoch kann Herrn Lavat e r wunderbarer erscheinen, als endlich auch das „Neue Testament" in der Handbibliothek des jüdischen Gelehrten zu erblicken. Letzterer will indessen — wie der Vers, ihn antworten läßt — an den „Briefen des Apostels Paulus" ganz besonders Gefallen finden, und zwar wegen der „sittlich religiösen Ideen," deren sie so viel enthalten. — Ramler sieht sich nun veranlaßt, der Conversation eine andere Wendung zu geben, und macht darauf aufmerksam, daß Seitens der Akademie der Wissenschaften und schönen Künste in der heutigen Zeitung zu einer öffentlichen Sitzung eingeladen werde. Diese Mittheilung scheint indesten Niemandem willkommener als Herrn Lavater, welcher sie nämlich dazu benutzt, um sein, — wir wissen nicht ob Bedauern oder Befremden — darüber auszudrücken, daß „Moses Mendelssohn zum Mitgliede der Akademie nicht ausgenommen worden." Ramler erwidert rasch, daß der König den Namen des Philosophen Mendelssohn und zwar nur, weil dieser ein Jude, — von der Liste gestrichen habe, — worauf dann der Vers, (besser konnte er's sicherlich nicht anbringen) Mendelssohn selber die allgemein bekannte Bemerkung machen läßt, daß er sich über den betr. Vorfall dann nur würde gegrämt haben, wenn die Akademie — und nicht der König — ihn ausgeschlagen hätte. Wer die Lebensgeschichte Mendelssohn's kennt, wird wissen, daß Lavater manche Anstrengungen gemacht, um denselben zum Christ ent hume herüberzuziehen. — Auch dieß versteht Springer, in seine Schilderung — um dieselbe desto interessanter zu machen — geschickt mit einzuflechten. Er läßt nämlich den Herrn Lavater den „Phädon" mit den Worten anerkennen, daß dieses Werk allein schon genügen würde, den Namen des Autors für alle Zeiten verehrungswürdig zu machen, — ihn hierauf aber an Mendelssohn die directe Aufforderung stellen, Bonnet's Schrift „Ueber die Grundzüge des Christenthums" öffentlich zu widerlegen, oder aber — d. h. wenn er dies nicht könnte — so zu thun, wie es Klugheit und Wahrheitlsiebe ihm geböten. Wie aber wird diese Zudringlichkeit durch Mendelssohn abgefertigt? Die Antwort, bieder Verf. ihm in den Mund legt, lautet dahin, daß, wäre nicht nach vieljahrigem Forschen die Entscheidung zu Gunsten seiner (der jüdischen» Religion ausgefallen, er lMendelssohn) dies durch eine öffentliche Handlung würde kundgegeben haben. Denn wenn nicht die Ueberzeugung von ihrer Wahrheit, — was sonst hätte ihn an diese so allgemein verachtete Religion fesseln können? Habe er bei derselben „menschliche Zusätze und Mißbräuche" gefunden, so möchte er die Religion kennen, die dergleichen nicht aufzuweisen hätte. Und wie er die schlechte Meinung von dem Juden nur durch Tugend und nicht durch Streitschriften zu widerlegen wünsche, so sprach er in allen öffentlichen Schriften auch nur von solchen Wahrheiten, die gleich wichtig seien sämmtlichen Religionen. — Ob und was der züricher Prophet hierauf geantwortet, wird uns nicht gemeldet, wohl aber mitgetheilt, daß Schadow und Hoffmann, die an diesem Abende bei und durch Mendelssohn Freunde geworden, sich nicht so bald wieder von einander getrennt haben. Eiue absichtliche Verfälschung. In einer Zusammenkunft des „katholischen Jünglingsvereines" zu Wien hielt der Abb6 Wiesinger eine Rede, und citirte zum Schlüsse als ein altdeutsches Sprichwort, auf das er sich berufe, „Trau nicht dem Jud' aus seinen Eid, Trau nicht den Wolf auf grüner Haid', Tran keinem Freund auf sein Gewissen, Sonst wirst von Allen du gebissen —" Der Herr Abbe Wiesinger hat sich aber hiermit einer absichtlichen Fälschung schuldig gemacht, denn in dem wirklichen Urtext des Sprichwortes ist weder von einem „Juden", noch von einem „Freunde" die Rede; er lautet: „Wer trawet einem Wolfs aufs der heyd, Vnd einem Bawern aufs seinn eyd, Vnd eim Pfaffen aufs sein gewissen, Wirt von allen dreien be.n." *) Man sieht leicht, welche Veränderungen Herr Wiesinger vorgenommen und warum. *) S. „Sprüchwörter, Schöne, Weise, Klugreden, darinnen Teutscher vnd anderer Sprachen höfflichkeit. Zier, höchste Vernunfft vnd Klugheit; Was auch zu Ewiger vnd Zeitlicher Weyßheit, Tugent, Kunst vnd Wesen dient, gespürt vnd begriffen. Von Alten vnd jetzigen im brauch gehabt, vnd beschrieben. In ettlich Tausent zusammenbracht. Cum gratia et privilegio Imperiali. Getruckt zu Franckfort am Meyn, bei Christian Egenolff's Erben. Im Jar M. L. D. X. (8., 390 Blätter»" — wovon C. L. Stengl in der Berliner Monatsschrift (1790, September-Stück, Seite 263 bis 273) einen Auszug gibt.. Verlag von Baumgartners Buchtzandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr* H. Lotze.

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