Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1869)
- Date
- 1869-09-07
- Page
- Seite 731 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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M berühmten jüdischen Arzt vr. Marcus Hertz (der später Professor und Hofrath wurde) und neben ihm seine junge Gattin, die schöne und geistvolle Henriette (geb. De Lemos), deren Ruf — wie der Verf. hinzufügt, — so weit verbreitet gewesen, daß dazumal kein bedeutender Mann in Berlin sich aufgehalten, ohne deren persönliche Bekanntschaft gemacht zn haben*). — Wir übergehen die hieran geknüpfte begeisterte Schilderung von der reizenden Schönheit und dem blitzenden Esprit dieses Weibes, um den Dritten zu nennen, der anwesend und mit Henrietten gerade in lebhafter Unterhaltung begriffen. Es ist der junge (nachher so berühmt gewordene) Gottfried Schadow, welchem jene zu ihrer Büste Modell gesessen, — wie Springer bemerkt, — während wir anderswo gelesen, daß Schadow die Büste der Hertz nach einem Portrait gefertigt, das von Graff gemalt worden. Von diesem Portrait wird (wie wir beiläufig noch bemerken wollen) erzählt, daß es den großen Mirabeau zu dem begeisterten Ausrufe hinriß: „O, was gäbe ich darum, wenn mir das Original zu sehen vergönnt wäre!" — Gustav Kühne, der (in seinem Werke „Deutsche Männer und Frauen") ebenfalls von dem mächtigen Eindrücke des Grafischen Bildes auf Mirabeau, „den großen Kenner weiblicher Schönheit," berichtet, fügt die Bemerkung hinzu: „Sein heißes Verlangen, sie in Person zu sehen, mag ganz den Huldigungen entsprochen haben, die er der marmorschönen und marmortugendhaften Hebräerin widmete." — Kehren wir nun wieder zu dem Zirkel bei Mendelssohn zurück. In demselben ist an diesem Abende die gebildete Damenwelt nicht blos durch Henriette Hertz vertreten, vielmehr läßt uns der Verf. neben dieser auch noch Anna Louise Karsch anwesend finden, jene geniale Naturdichterin, von welcher ganz zutreffend bemerkt wird, daß „sie damals ein Gegenstand der Mode und in allen (gebildeten; Kreisen der Hauptstadt wohl ausgenommen" gewesen. Bei Moses Mendelssohn war sie — ebenso wie bei Ramler, Gleim rc. — durch den Bar on von Kottwitz, der sich ihrer angenommen hatte, eingesührt worden. Später hatte sie in Friedrich dem Großen und dann auch in Friedrich Wilhelm II. einen hohen Gönner und Beschützer gefunden**). Nennen wir nun noch die Professoren Engel und Ramler (Ersterer war dazumal der bedeutendste Lehrer *) Henriette Herz, geb. 1764, war die Tochter des berühmten Arztes De Demos, der sich in Berlin so hoher Achtung ersreute, daß die größten Gelehrten und Künstler sein Haus außuchten und zuweilen auch Mitglieder des königlichen Hauses zu ihm kamen. In frühester Jugend schon „eine gefeierte Dame," ward Henriette mit 13V2 Jahren an Marcus Hertz verheiratet, den sie nach 26 jähriger Ehe (1804) durch dm Tod verlor. Durch Schleiermacher gewaltig beeinflußt, ging sie 12 Jahre später (1816) zum Christenthume über. Sie starb 1847. Höchst interessant ist ihre Schrift „Erinnerungen aus meinem Leben." «Berlin Wilh. Hertz). Der Ref. **) Als Schriftstellerin ist sie mehr noch unter dem Namen Kar sch in bekannt. Der Ref. am Joachimsthaler Gymnasium) so wie endlich den Konrektor Moritz (vom grauen Kloster), so hätten wir alle' die Persönlichkeiten aufgezählt, welche heute die Gesellschaft bilven, ehe bevor der Mann, um den sie sich schaarte, in sein Haus heimkehrt. — Das Gespräch, das die Anwesenden untereinander führen, läßt uns die Zeit erfahren, in welcher sich das zuträgt, was hier erzählt wird. Sie ist sonst nirgends angegeben. Es kann aber nur im Frühjahre 1781 gewesen sein; denn man unterhält sich von Lessing's Tode und behandelt dies traurige Ereigniß als Etwas, das eben erst geschehen war, das noch das Herz eines Jeden mit frischem Schmerze erfüllte. Nun ist aber bekannt, daß der Dichter des „Nathan" am 15. Februar des eben erwähnten Jahres seine Seele ausgehaucht hat. — Engel möchte am liebsten „mit ihm entschlafen" sein, und bezeichnet dies als einen Wunsch, dessen sein Innerstes stets voll gewesen. Ramler wollte sich alles Andere eher als „den Tod des Hochverehrten so nahe bevorstehend" gedacht haben. Ein Anderer erzählte von des Verblichenen letzter Anwesenheit in der Hauptstadt. In dieser Weise wird conversirt, als nun endlich, eine freudige Aufregung in der ganzen Gesellschaft hervorrufend, Mendelssohn selber ankommt, begleitet von Hoffmann, welchen er — nachdem er ihn den Anwesenden als „einen jungen Maler, den er gelegentlich kennen gelernt und eingeladen" vorgestellt hat, — speciell an Schadow weist, dem er namentlich, wie er hinzufügt, einen Kunst genossen habe zuzuführen getrachtet. Ehe man sich zu Tische setzt, läßt unser Erzähler noch zwei höchst interessante Gäste eintreten. Es sind Spalding und Lavater. Dieser wird von jenem bei dem jüdischen Philosophen eingeführt. Auch alle Uebrigen scheinen den „Propheten von Zürich" (wie Spalding seinen Begleiter bezeichnet) heute zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht zu sehen. — Bei der Tafel, um die sich alle nun vereinigt haben, läßt der Berichterstatter den Haushern seine Gäste wiederholt auffordern, wacker zuzulaugen, ihn selber aber nur von Zeit zu Zeit nach der Zuckerdose greifen und den anwesenden jüdischen Arzt hierüber eine witzige Bemerkung machen, um ein bekanntes Bonmot, das man sich von Mendelssohn erzählt, aubringen zu können, daß nämlich der Zucker nur den einzigen Fehler habe, ihn eben nicht mit Zucker essen zu können. — Ob und wie Mendelssohn an diesem Abende in seinem Hause die Sabbathfeier begeht, — wird mit keinem einzigen Worte berichtet, obschon anzunehmen, daß die Anwesenheit einiger Andersglaubenden den gesetzestreuen Philosophen nicht dürfte abgehalten haben, seiner Religion den ihr schuldigen Tribut darzubringen. Noch auffallender aber ist es, Herrn Lavater — mit einem Blicke auf das hangende (die Handbibliothek tragende) Repositorium — verwundert ausrufen zu lassen: „Ah, dort sehe ich den Maimonides!" Moses Maimon bei Moses Mendelssohn zu sehen, sollte