Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1869)
- Date
- 1869-06-22
- Page
- Seite 502 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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äußeren Cultus hervorgeht (die Prozessionen auf den Straßen mit Bildern in Lebensgröße weroen oft wiederholt», hört man niemals ein Wort oder einen Spott gegen eine Meinung Andersdenkender in Hin sich i auf Religion. Dies war für einen Reisenden, der das intolerante und von seiner Geistlichkeit fanatisirte, und besonders auf dem Lande so unwissende Spanien soeben durchreist hatte, ein frappanter Gegensatz. Sowie man die Grenze überschritten hat, glaubt man schon eine reinere und gesundere Luft einzuathmen: dies mag vielleicht eine Wirkung der Einbildung sein, aber die englischen Touristen, welche unaufhörlich die beiden Länder durchreisen, sagen, daß dieser Eindruck sie überkommt, sowie sie in Badajoz Portugal betreten und die letzte Stadt Spaniens im Rücken haben. Aber einen noch fühlbareren Contrasl bietet die Stadt Gibraltar, welche seit 1704 durch Eroberung Eigenthum der Engländer ward. Als ich diese strebsame Stadt betrat, die auf einem Felsen erbaut ist, welcher zwei Meere beherrscht, das Mittelmeer und den Ozean, war ich, offen gestanden, neugierig, jene jüdische Bevölkerung zu sehen, von der mir mein Reisebuch ein so wenig schmeichelhaftes Bild entwarf. Da las ich zunächst: .... „Die Stadt liegt auf dem östlichen Abhang des Felsens, gerade der Bay gegenüber. Man zählt 15 bis 20,000 Einwohner, abgesehen von der Garnison. Es begegnet sich dort ein gleiches Gemisch von Europäern, Asiaten und Afrikanern, ein Jeder in seiner Landestracht und mit seiner besonderen Sprache. Die Juden, sicherlich die reichsten, sind die schmutzigsten, die Mauren die reinlichsten und die Schmuggler von Roda die malerischsten ... ." Weiterhin fügt Hr. Germond de Lavigne, der Berfasser des Itinernire descriptif, historique et artistique de l’Espague et du Portugal, indem er vom Klima spricht, welches im Allgemeinen gesund ist, hinzu: „Man muß dies dem Fieber von Gibraltar zuschreiben, dem zuweilen gewisse Umstände eine unglückliche Ausbreitung geben. Es ist endemisch und rührt besonders von der Beschränktheit der Wohnungen, von der mangelhaften Luftcirculation, von der Unreinlichkeit der Juden, welche zahlreich dort wohnen, und von den stinkenden Ausdünstungen her, welche sich auf dem Grunde des Meeres bilden!" Wie man sieht, abgesehen von dieser Unreinlichkeil, welche wie überall die ganze niedrige Klasse in den ärmeren Staditheilen Gibraltars theilt, giebt es noch viele andere physikalische Ursachen der Ungesundheit. So hat man also allen Grund sich zu verwundern, wie ein so bedeutender Schriftsteller wie Hr. Germond de Lavigne sich zum Echo eitler Berläumdung macht, welche weiter nichts als eine Abgeschmacktheit ist: wenn man behauptet, daß das endemische Fieber von Gibraltar von dem Schmutze der Juden herrnhrt, so ist das so gut, als wenn man das Wort einer alten Komödie: „der ehemalige junge Mann" wiederholt. Dieser junge Manu ruft nämlich, indem er sich rühmt, daß seine Maitreffe aus Liebe für ihn gestorben sei, aus: „sie ist aus Liebe gestorben . .. und an einer BrusManllheit!.. Ja, das ist eine Berläumdung: ich habe mehrere Häuser von Israeliten in Gibraltar gesehen, hauptsächlich Bank- und Handelshäuser: Serfaty, Benoliel rc., wo ich allen Comfort und die ausgesuchte Reinlichkeit der Engländer, ihrer Landsleute, gefunden habe. Ich wollte auch gern die arbeitende Elaste der Juden von Gibraltar sehen: diese trifft man auf dem Markte. Sie verkaufen Alles: es ist ein wahrer Bazar, Nichts gleicht der Feinheit ihrer Physiognomie, der Schlauheit ihres Blickes. Um mich zu amüsiren, kaufte ich von einem Geflügelhändler eines seiner Thiere, indem ich einige spanische Worte an ihn richtete, denn dies ist die Sprache, welche sie nach dem Hebräischen und dem modernen Arabischen, jedenfalls ihrer Umgangssprache, am geläufigsten sprechen. Als ich am Abend in mein Hotel zurückkehrte, fand ich dort meinen Verkäufer wieder, er trug einen enormen Puter, den er mir zu einem sehr mäßigen Preise ließ. Um mich dessen zu entledigen, bat ich meinen Wirth, ihn ihm abzunehmen, was er auch that, nicht ohne noch einen Rabatt zu erlangen. Hr. Serfaty führte mich zunächst in die Synagoge, einen Tempel, der im maurischen Styl gebaut ist; dann zeigte er mir eine sehrhübsche Betstube, die Synagoge Äbudarbam genannt, welche sehr an den portugiesischen Tempel in der Rue Lamartine erinnert. Diese Familie Abudarham, aus Gibraltar gebürtig, besitzt noch in der Hauptstraße, der maiu-street, ein Haus, welches vermiethet ist und dessen Ertrag dem Chacham von Tetuan übergeben wird, um ihn, nach dem Testamente des Eigenthümers, als Almosen zu verwenden. Durch ein englisches Dampfboot, der „Tiger", das einen regelmäßigen Dienst zwischen Gibraltar und Tetuan hat, wurde ich versucht, bis an die Grenze von Marokko zu gehen, dem Anfänge von Afrika, Gibraltar gegenüber: zwei Stunden reichen zu dieser Reise aus. Diese Stadt hat verhältnißmäßig eine zahlreichere jüdische Bevölkerung als Gibraltar, und gewöhnlich bringen die marokkanischen Juden, welche ihren Markt ausmachen, die Samstage und die Festtage in Tetuan oder in Tanger zu. „Tetuan", sagt Hr. Fort (in einem englischen Reisebuche), „wurde im Jahre 1492 von den Flüchtlingen von Granada gegründet; viele Familien jener Zeit eftstiren noch, und eine große Zahl bewahren noch die Titel ihrer alten Besttzthümer und die Schlüssel zu ihren Thüren, um im passenden Augenblick wieder hineinzugehen, der ihnen ganz gewiß scheint. Tetuan zeigt den Typus von dem, was die Mauren Spaniens und ihre Städte ehemals waren; man muß dort den Bazar und den Garten des Sultans besichtigen."