Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1869)
- Date
- 1869-06-22
- Page
- Seite 486 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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486 also Alles von Innen heraus; der Eifer für die heilige Sache unserer Religion ist es allein, welcher hier den Antrieb gegeben; und dies geht umsomehr aus dem Umstande hervor, daß sich nur allmählich die Zahl der Gemeinden gemehrt, also nicht von vorn herein ein großer Körper seine Anziehungskraft geübt hat. Alle Nebenzwecke, alle persönlichen und eigennützigen Motive fehlen hier gänzlich. Umsomehr liegt in diesem Eifer aber auch das Bedürfniß ausgesprochen, das tiefgefühlte Bedürfniß, eine Gemeinsamkeit herzustellen, und vermittelst dieser den Weg frischen Schaffens und lebendigen Gestaltens zu eröffnen, zu betreten, zu verfolgen; das zweifache Bedürsniß, nicht mehr isolirt, vereinzelt und ohne Anhalt dazustehen, und endlich aus dem Wirrsal der Meinungen und Ansichten zu einem gewissen Einklang, zu einer gemeinsamen Anschauung zu gelangen. Soweit unsere Nachrichten bis heute reichen, werden mehr als achtzig jüdische Geinden auf der Synode und dem Gemeindetag vertreten sein. Da noch immer Meldungen einlaufen, so wird die Zahl wol auf Hundert steigen. Der Rabbinen und jüdischen Gelehrten hat sich eine beträchtliche Zahl gemeldet und zwar aus verschiedenen Ländern. Wir gestehen offen, wollen es aber blos als eine persönliche Meinung ansehen, daß uns diese Zahl der Mitglieder der ersten Synodalversammlung gerade als eine sehr günstige erscheint. Denn da wir in dieser ersten Versammlung zunächst die Grundsteinlegung, die Fixirung und Belebung eines großen Keimpunktes oder wie man auch zu sagen pflegt, des Krystallisationspunktes erblicken, so ist die gedachte Anzahl der Theilnehmer imposant genug für ein solches Beginnen, während eine zu große Ausdehnung für eine solche erste Versammlung, in welcher nur wenige Theilnehmer sich bis jetzt persönlich kennen, große Schwierigkeiten bieten kann. Ueberblicken wir nun die Gemeinden, welche die Beschickung angcmeldet haben, so hat die Synode wohl die Freude ansehnliche Geineinden auch aus andern Ländern zu begrüßen, die große Mehrzahl jedoch gehört dem gesammten deutschen Vaterlande, und unter diesen wieder den norddeutschen Ländern an. Es zeigt sich also hier ebenfalls eine gewisse Einheitlichkeit in Charakter, Stellung und Richtung, und so sehr dies, wenn es bleibend das Gepräge der Synodalversammlung ausmachte, derselben eine unerwünschte Beschränkung, einen Ausdruck gewisser Einseitigkeit verleihen würde; so kann es doch für diese erste Versammlung als fördernd erachtet werden. Wir haben vor Allem der Welt den Beweis zu führen, daß in einer solchen freien Versammlung jüdischer Gemeindevertreter, Rabbinen und Gelehrten bei wahrem und warmem Eifer, bei edlein Enthusiasinus der Geist der Eintracht und der Gerechtigkeit, der Gemeinsamkeit und der Besonnenheit obwaltet, daß wir nicht nach Einförmigkeit, wohl aber nach Einheit streben. Hierdurch allein kann die Synodalversammlung eine Autorität beanspruchen und erlangen. Eine Autorität! Denn was man auch dagegen sagen, und wie sehr man dieses Wort in unsrer Zeit von gewisser Seite her verpönen mag — der Mensch kann im Einzelnen, wie in der Gesammtheit einer gewissen Autorität niemals entbehren, und am wenigsten auf dem religiösen Gebiete, und Niemand entzieht sich ihrer ganz, selbst der, welcher sie gänzlich zu verleugnen vorgiebt. Die Natur des Menschen ist darauf angelegt. Wie wir unter der Autorität unserer Eltern und Lehrer aufwachsen, wie unsere ganze Bildung und Entfaltung unter der Autorität der Vergangenheit vor sich geht, wie wir bis zu unserm letzten Athemzuge unter der Autorität der Natur und des Geschickes, d. i. der göttlichen Schöpfung und der göttlichen Vorsehung stehen, wie in dem freiheitdurstigsten Menschen selbst seine eigenen Anlagen und seine eigenen unbewußt gebildeten Meinungen und Anschauungen für ihn eine Autorität Herstellen, derer sich nur in seltenen Augenblicken zu entziehen versteht: so bedarf auch jede Gesammtheit, jede Genossenschaft zu ihrem Fortbestände einer gewissen Autorität. Autorität und Freiheit sind daher die beiden Pole der menschlichen Natur, die aber durchaus nicht fort und fort einander negiren und bekämpfen sollen, sondern die beide mit einander zu verbinden, lebendig zu vereinigen, daß sie sich gegenseitig tragen und erfüllen, die wahre Aufgabe des Menschen ist. Dies ist auch der Zweck der Synodalversammlungen: Auf jüdischem Gebiete eine Art von Autorität zu schassen, die aus der freien Entschließung der Bekenner des Judenthums hervor geht und diese selbst in ihrem Willen und Thun freiläßt, die weder in ihrem Zusammentritt aus irgend einem Zwange entspringt, noch in ihrer Wirksainkeit irgend einen Zwang übt — eine freie Autorität, die aus dem gesammten Geiste, aus der gesammten Entwicklung, aus dem gesammten Bedürfniß hervorgeht, und darum für alle einzelne das Gewicht der Gesammtheit besitzt und ihnen zur Stütze und zum Wegweiser dienen kann. Man sage nicht, daß dies ideale Vorstellungen seien,