Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 441 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudeuthum Fenilleton-Leilage ju Ar. 22. Leipzig, den 1. Juni 1869. Die Juden des modernen Spanien. (Nach den Aich, israei.) (Schluß.) Ja, dieses so stolze, so von seiner Nationalität durchdrungene Volk neigt sich noch vor dem Leichenmonument des dos de mayo (2. Mai 1808), aber es denkt nicht mehr an die Autodafes. Das ist so wahr, daß auf die Anzeige meines Reisebuches, daß das alte Gebäude des Heiligen Amtes ein Hotel für fremde Reisende geworden sei, daß die unterirdischen Kerker der heiligen Inquisition nur noch als Keller für die Weine von Xeres, Alicante, Malaga und der Bordeaux-Gewächse dienten, ich sie aufsuchte. Der Inhaber dieses Hotels, ein Engländer, ward ganz roth vor Aerger, als er mir sagte: dies wäre ein Streich seiner Concurrenten, der französischen Gastwirthe, welche „absichtlich" dieses boshafte Gerücht aussprengten, um sein Hotel um feinen Ruf zu bringen! Es hätte niemals eine Inquisition in Spanien gegeben, es wäre dies eine jener fantastischen Erzählungen für kleine Kinder, um sie zu schrecken..... (sic). Wie dem auch sei, versehen mit einem Empfehlungsschreiben an Herrn Daniel Weisweiler, Banquier und Compagnon des Hauses Rothschild, machten wir ihm einen Besuch, und einige Tage darauf, als wir an der Familientafel speisten, benutzte er — es war Festtag — meine Anwesenheit und die des Herrn Bauer, seines Mitcompagnon, um das Tischgebet vorzutragen, wozu mindestens drei Personen erforderlich sind. Ich chörte von Frau Weisweiler, einer geborenen Engländerin, daß die Toleranz vollständig in Madrid geübt würde, daß ihr Gatte nicht nur in seiner Eigenschaft als Consul von Oesterreich, Bremen und Lübeck, rc. selbst zu Hofe empfangen würde von der Königin Jsabella Bourbon und dem Könige Don Franz von Assisi, sondern daß auch der Erzbischof von Toledo, der Beichtvater des Königs, der Pater Claret mit ihm und Herrn Pereire, als Letzterer in Madrid war, gern plauderte und die Israeliten aufmunterte, sich in Spanien niederzulassen, indem er meinte, daß die Zeiten ihrer Verfolgung vergangen wären. (Historisch.) Ich hatte in Madrid Bekannte meiner Familie, Herrn und Frau Werthheimber; nicht nur empfingen sie bei sich die Elite der hauptstädtischen Gesellschaft, ich sah sie auch überall, auf allen Bällen, auf allen Teriulias, sei es in den spanischen Häusern, sei es in den fremden Gesandtschaften und Legationen. Aber eins beftemdete mich: es war um die Zeit des Osterfestes. Ich hatte in dem Kaufmannsviertel, in der Diontara, in der calle Fuen-Carral wohl Läden bemerkt, die ans ihren Schildern Namen führten, wie Mayer, Bernheim, Levv rc., aber man wagte nicht sich zur Feier des Festes zu vereinigen; ebenso wenig wie die Protestanten es wagten den geringsten Brauch ihres Kultus auszuüben.Dies geht so weit, daß Frau Adolphe Barrot, die Frau des französischen Gesandten, eine Protestantin, mir erklärte, daß sie am Charfreitag mit ihren Leiden Töchtern zu einem heimlichen Gottesdienst in der englischen Gesandtschaft zugelassen wäre, aber nur als Mitglied des diplomatischen Corps; sonst wären die Thüren selbst für die Mitglieder der reformirten Kirche geschlossen. So herrschte damals noch die Staatskirche in Spanien! Dennoch war ich, bei der Rückkehr an einem Tage dieser Osterwoche in mein Hotel (la fonda de los ambajadores) nicht wenig erstaunt, als ich an meinem Platze, auf der Tafel, wo sich mein Couvert befand, rachen Sie was? erblickte.einen ungesäuerten Osterkuchen! Es existirt seit sehr langer Zeit eine Familie Gomez in Madrid, deren Haupt ein ehrenhafter in allen Schichten geachteter Kaufmann ist. Jedes Jahr ließ Herr Gomez aus Bayonne ungesäuertes Brod kommen und feierte Ostern in seinem Hause; ein würdiges Muster des Muthes und der Unabhängigkeit eines Bürgers, welcher dem, was man Gewissensfreihet nennt, Achtung schaffen will. Er hatte durch einen unserer Glaubensgenossen erfahren, daß ich in Madrid wäre, daß ich der Schwager des Herrn Allegri, eines Mitglieds des Consistoriums zu Paris, sei, und er ließ mir sagen, „daß, hätte er früher von meiner Ankunft gewußt, er mich eingeladen haben würde, in seiner Familie den „Seder" zu geben."