Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1869)
- Date
- 1869-04-27
- Page
- Seite 341 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine ZkitMlg des Zudcnthums. Femllkton-Leilage )u Ar. 17, Leipzig, den 27. April 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. lFortsetzung.) Wenige Monate später war unser Jacob wirklich dort. Sein hauptsächlichstes Bedenken, wie seine Mutter und Schwester ohne sein bischen Verdienst fertig werden könnten, beseitigte Vetter Salme mit einem entscheidenden: „Das ist meine Sach'!" Es hatte sich günstiger Weise getroffen, daß aus der Bande Schmuels, des Dorfgängers, der Pfeifer, wir wissen nicht ob gestorben oder davongegangen war. Es kam dazu, daß schon damals die jungen Männer anfingen, etwas unbescheiden zu werden und auf Stellungen Anspruch zu machen, die über die Pfeife hinweggiugen, ein Instrument, das sie verachteten, und das bei der damaligen armseligen Jnstrumentirnng und dem Geschmacke des Volkes doch so unentbehrlich war. Schmuel mußte daher, mit oder wider Willen, sehr klein beigeben und ihm einen höheren Lohn als früher versprechen, bevor Salme wieder in die Reihe seiner kleinen Schwadron eiutrat. Als Jacob dennoch noch nicht nachgeben wollte, brachte das Männlein eine ganze Reihe blauker Thaler zum Vorschein, die er sich im Laufe der Jahre erspart und für sein Alter oder sonst einen Nothfall bestimmt hatte. Mit diesen Hilfstruppen gedachte er den Erzfeind der Familie, den Mangel, bis dahin aus dem Felde zu schlagen, wo Jacob seinen Wachtposten wieder einnehmen konnte. Alle Beteiligten hielten — was so selten geschieht — die in guter Stunde gegebenen Versprechen. Herr Lilienthal sandte einen Ballen noch gut erhaltener Kleider. Aber ein unüberwindliches Gefühl verhinderte Jacob, auch nur eines derselben anzulegen, und unter dem nicht ungerechtfertigten Vorwände, daß diese Kleider aus der Reswenz an Farbe, Schnitt und Gehalt für einen armen Dörfler gar nicht paßten, verkaufte er sie allesammt und schaffte dafür sich einige bescheidene Kleider an, und nagelneue für Mutter und Schwester, ein Ereigniß, das seit Jahrzehenden nicht stattgefnnden und einen Sonnenschein in ihre Hütte brachte, wie er lange nicht geschienen. Vetter Salme hatte alle diese Geschäfte vermittelt, und der schlaue alte Bursche verstand dies. Ihm war die Musika stets theuer gewesen, aber „den Kops ließ er sich nicht von ihr verwirren und seine fünf Sinne auch nicht." Ja, der Sonnenschein! Es war ein Thanwind von Süden hergekommen, und hatte den eisigen Nord in seine Höhlen zurückgebannt, und die weiße Hülle von der Erde ausgenommen und dafür einen grünen Teppich darüber gebreitet, einen grünen, mit bunten Blumen gestickten Teppich; und die Vögel waren herbeigeflogen, und hatten zwischen den kahlen Zweigen der Bäume so lange gezwitschert und gesungen, bis diese aufgewacht und sich mit Knospen und dann mit Blüthen und Blättern bedeckt hatten. Denn die Vögel wollten Schutz und Schatten vor Regen und Sonnengluth haben und ihre Nester bauen und waren des langen Harrens fast schon müde geworden. Nun war es fröhlich auf der Flur und im Walde, und Jacob wanderte nach der Stadl. Der Abschied war nicht zu trübselig, denn im Grunde waren die Lieben nicht fern, und man konnte sich immer wieder einmal sehen. Also auch der Mendel und der Fürth hielten ihr Versprechen. Sie zogen noch einige mildthätige Menschen heran, und verhandelten nun mit dem Stadtpfeifer und bewilligten ihm für die Ausnahmestellung, die Jacob ein nehmen sollte, ein für jene Zeit stattliches Lehrgeld. Als aber der Stadtpfeifer seinen neuen Lehrling zum ersten Male spielen gehört, strich er die erste Rate des Lehrgeldes mit um so größerer Befriedigung ein; denn so viel Musik verstand er doch, daß er sofort wußte, dieser junge Mensch würde ihm gute Dienste leisten. Jacob kam also nicht als Lehrbursche in das armselige Haus seines Meisters und hatte keine Hausarbeiten zu machen, wozu er doch auch zu alt und zu groß gewesen wäre. Er wohnte vielmehr in einem Dachstübchen und aß „Tische". Am Sabbath hatte er frei, und dies kostete dem Lehrherrn am wenigsten Opfer. Denn eigenthümlicher Weise wurde in dieser Landschaft am Sabbath niemals gespielt, während es Sonntag Nachmittags, Abends und Nachts auf allen Tanzböden gar lustig herging. Außer den Uebungen und dem Mnsikmachen hatte also Jacob keine weiteren Verpflichtungen. Das Musikmachen bestand aber allein im Aufspielen zum