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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-20 · Heft 16 (20.4.1869) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 16 (20.4.1869)
Date
1869-04-20
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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309 die Ehre erzeigt, der durch das Christenthum zu Tage getretenen corrdinirt zu werden, und charakterisirt der Redner jene auch ferner als eine über allem Heidenthum erhabene, geistige und sittliche Religion, so kann er doch nicht umhin, ehe er dieses Eingeständniß macht, sich in folgender Weise über sie auszusprechen. „Die Frage/' sagt er, „nach der Bedeutung des Ausdruckes „Wort Gottes" ist aber zunächst aus dem alten Testament, aus dem er stammt, uud aus dem er in das neue übergegangen ist, zu beantworten, denn an den Schriften des A. T. hat sich Christus, als ein jüdischer Mann, selber entwickelt, ihrer bediente sich die erste christliche Kirche in ihren Versammlungen, und wenn auch die Religion Jesu durch die Erkenntniß Gottes als des Vaters so hoch über der Religion des A. T. steht, daß der Kleinste im Himmelreich größer ist als der Größte unter den Propheten, so ist diese Religion ihrem Kerne nach doch auf denselben Geist gegründet als die christliche, sie enthält die religiöse Wahrheit zwar in der Form der kindlichen Vorzucht und Vorbereitung, in der Form des Gesetzes, aber der Glaube an den Einen schöpferischen und heiligen Gott ist auch die Grundlage des Evangeliums." — Ist es wirklich, fragen wir auf diese Auslassungen, nicht thunlich, der eignen Tochter-Religion gerecht zu werden und sie mit dem erwünschten Nimbus zu umgeben, ohne die andere, ihre leibliche Mutter, aus deren Schooße sie hervvrgegangen und aus deren Brüsten sie ihre Kraft gesogen, zu verunglimpfen? Sind die Borurtheile von „dem Sohne der Magd" und „dem Sohne der Gattin," dem „Gott des Zornes und der Rache" und dem „Gott der Liebe und Gnade," und was dergleichen mehr, die man an der Wiege des Christenthums verkünden und hegen zu müssen glaubte, um Juden und besonders Heiden heranzuziehen, sind sie nach achtzehn Säclen leidiger Geltung noch nicht abgenutzt genug, um von dem kritischen Lichte der Wahrheit, dem sich in unseren Tagen ja nichts entziehen kann, beschienen, wenigstens von Seiten liberal gesinnter Männer wie Herr Prediger Sydow^perhorrescirt, nicht aber sanctionirt zu werden? Glaubt H. P. S. in der That, oder will er nur Andere glauben machen, daß das Judenthum Gott nicht als „Vater" kennt, lehrt und verehrt, etwa darum, weil es dem Monotheismus unbedingt huldigt und nur Einem allein Ehre und Anbetung zollt, sich aber nimmer herbeilassen mag, 3hm einen „eingeborenen Sohn" zur Seite und gleichzustellen? Nun, zwar nicht einen Einzelnen, daS sollte der ehrwürdige Herr perfect wissen, dafür aber sämmtliche Menschen läßt die jüdische Offenbarungslehre in all' ihren Theilen als „Kinder Gottes," Ihn daher als ihren „Vater" erscheinen. In Pentateuch ruft der Herr lExod. 4, 22) Pharaoh zu: Mein erstgeborener Sohn ist Israel, was will dies anders besagen als: alle Völker sind meine Kinder, Israel jedoch deren vornehmstes? Ferner iDeuter. >4, 1) ausdrücklich: Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes, und (id. 32, 6): Ist Er nicht dein Vater, der dich erworben, dein Schöpfer, der dich fest gegründet? Endlich, wo gäbe es wohl eine mehr väterlich-liebevoll klingende Zusicherung, als da Gott sich lExod. 34, 6) Mosch kundthat als den Gnadenreichen, Allbarmherzigen, Langmüthigen rc.? Bei den Propheten ist es stereotyper Sprachgebrauch, die Israeliten als „Kinder Gottes," selbst in üblem Sinne als „abtrünnige Kinder" zu bezeichnen (Jesaj. 1, 2): Kinder habe ich großgezogen und verherrlicht, sie aber empören sich wider Mich. (ib. 29, 23 und 30, 1); Wenn Meine Kinder, Meiner Hände Werk, sehen rc.: Wehe den widerspenstigen Kindern! Mit deutlichsten Worten endlich (id. 63, 16): Du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser ist von je her Dein Name (conf. Jerem. 3, 19, Hos. 11, 1). In den Hagiographen heißt es <Ps. 89, 27): Er wird mich anrufen: Du bist mein Vater, mein Gott, Hort meines Heils. Ferner (id. 103, 8. 13): Barmherzig und gnädig ist der Herr, langmüthig, unendlich an Huld; wie ein Vater sich erbarmt der Kinder, erbarmt Er sich Seiner Verehrer, (conf. Ps. 145, 9. 17. Prov. 3, 11. 12). Welche Ausbeute in gleicher Fülle könnten wir hiefür ferner in den, ja auch dem Christenthum vorangegangenen apokryphischen Schriften finden, und wie strömen alte und neue Gebete der Israeliten von dem Anruf des großen und erbarmungsvollen „Vaters im Himmel" über, so daß es jedem Unbefangenen einleuchten muß, selbst der Urtypus aller christlichen Gebetsformeln: das Vaterunser, sei ganz und gar dem Jndenthum entquollen, dessen Geist es durch und durch athmet. — Müssen wir es demzufolge als eine bloße selbstgefällige Einbildung bezeichnen, wenn dein Christenthum auf Kosten des Judenthums in Betreff der „Vaterschaft GotteS" die Priorität oder gar der Alleinbesitz vindicirt wird, so ist die mosaische Religion auch darin nichts weniger als im Nachtheile, daß in ihrem Systeme das „Gesetz des Lebens" in den Vordergrund tritt vor dem Glauben

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