Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1869)
- Date
- 1869-04-06
- Page
- Seite 284 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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284 füllen — da können und dürfen wir nicht schweigen. — Zur Sache. Am 21. Februar d. I. hielt Herr Dr. Lilienthal in Cincinnati eine Borlesung in englischer Sprache vor einem Vereine junger Leute, die im „Israelite“ vom 26. Febr. abgedruckt ist. Das Thema lautete: „Ueber den wissenschaftlichen und politischen Fortschritt der Juden von Mendelssohn bis auf die Gegenwart." Nach einigen einleitenden Bemerkungen sagt Herr Lilienthal, Mendelssohn wäre gerade zu einer Zeit geboren worden, als die Wissenschaft zur neuen Blüthe sich entfaltete. In England traten Newton und Locke auf, während in Deutschland Kant seine „Kritik der reinen Vernunft" veröffentlichte. Daß zwischen der Geburt Mendelssohn's und jenem Werke mehr als ein halbes Jahrhundert lag (denn Kant veröffentlichte sein Hauptwerk erst im Jahre 1781, also nicht zur Zeit der Geburt, sondern kurz vor dem Tode M.'s), scheint Hrn. Dr. L. nicht im mindesten zu geniren. Daß weiter unten Mendelssohn zum Schüler des Rabbi Friedländer gemacht wird, könnten wir ebenfalls für einen Druckfehler gelten lassen, wenn nicht einige Linien später erzählt würde, daß derselbe Rabbi Friedländer nach Berlin berufen worden sei. Herr L. versteht es übrigens, seinen Helden interessant zu machen, trotz einem Romanschreiber. Hören wir, auf welche Weise Mendelssohn mit Lessing bekannt wird. „Mendelssohn", so erzählt uns Herr Dr. L., „war gewohnt nach dem Mittagsmahle einen Lieblingssalon zu besuchen, um da, gesetzt und ruhig, wie es seine Art war, seinen braunen Kaffee zu schlürfen, als eines Tages ein muthiger junger Kerl (i'ellow) von freiem, warmherzigem Benehmen, das Gesicht ganz strahlend von den Funken einer romantischen, jungen Männlichkeit, eintrat und laut, allen Anwesenden vernehmlich, fragte: „„Wer spielt hier eine gute Partie Schach?"" Er wurde an einen Tisch gewiesen, an welchem ein junger Mann von winziger (diminutive) Gestalt saß, sehr mager (haggard), wenig einnehmend, von außerordentlich schwärzlicher und kränklicher Gesichtsfarbe, das Haar schwarz gelockt u. s. w. u. s. w." In diesem Tone geht es noch eine Weile fort. Herr L. erzählt weiter: „Diese beiden waren bald darauf ganz versenkt in eine Partie Schach; aber kurz nach dem Beginn des Spieles war der zuerst erwähnte junge Mann ganz betroffen von dem augenscheinlichen Scharfsinn, welchen einige eigenthümliche und excentrische Züge seines bescheidenen Gegners charakterisirten und redete ihn also an: „„Gewiß, Sie sind ein merkwürdiger Spieler — sagen Sie mir Ihren Namen!"" „„Mendelssohn ist mein Name."" „„Mendelssohn! Und Sie der Verfasser „der Empfindungen? "" (??) (and you the autlior of „die Empfindungen"?j „„Ich bin es!"" „„Mein theurer Freund!"" rief jener aus, M. herzlich umarmend, als er diese Worte äußerte. „„Ich bin sehr erfreut, mit Ihnen bekannt geworden zu sein, und hoffe, wir werden uns gegenseitig besser kennen lernen und Freunde bleiben. Mein Name ist Lessing"" *) rc. Heißt inan das nicht der Geschichte in's Gesicht schlagen, um einen augenblicklichen Effect zu erhaschen? Wie werden da die jungen Leute alle Beifall geklatscht haben, als Herr Lilienthal, gewiß nach einer langen, langen Pause, während welcher der Odem seiner Zuhörer stockte, mit erhobener Stimme seine Periode beendigte und die gewichtigen Worte sprach: „My name is Lessing!“ Herr Lerzählt nun weiter, daß von dieser Stunde an Lessings Sympathie für die Juden angefangen habe, während es doch Thatsache ist, daß er schon 1749 sein Stück „die Juden" geschrieben, also lange bevor er nach Berlin kam. Heißt man das nicht den edlen, humanen Genius eines Lessing herabziehen? Das Beste kömmt zuletzt. „Er schrieb nicht blos die beiden kräftigen, ethischen Werke „Menasseh Ben Israel" und sein „Jerusalem" in seinem originellen und klastischen Hebräisch, sondern —-" Doch geben wir, um jeden Jrrthuin und jeden Zweifel zu beseitigen, die Worte, wie sie im Originale stehen: He not only wrote the powerful elhical works „Meuassa Ben Israel“ and Ins „Jerusalem“ in bis original and classic Hebrew, bul etc. Haben Sie genug? Sagen Sie doch, hat Dr. L. je Mendelssohn gelesen? Jedenfalls wären wir neugierig, zu wissen ob er den „Menasseh Ben Israel" und „Jerusalem" im hebräischen Originale oder in deutscher Uebersetzung gelesen hat. So macht man in Amerika Geschichte. Ein Verehrer Mendelssohn's aus der Wahrheit. *) Es braucht gewiß keinem nur einigermaßen gebildeten Lehrer gesagt zu werden, daß M. erst durch Lessiug in die deutsche Literatur eingeführt wurde, und zwar durch die „philo sophischen Gespräche“. Erst ein Jahr später erschienen seine „Briese über die Empfindungen" (nicht „die Empfindungen", wie Herr Lilienthal schreibt,, die ebensalls durch Lessing an die Oefsentlichkeit gezogen wurden. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lohe.