Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1869)
- Date
- 1869-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
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sein Ueberfluß ausgeführt worden, und das Vermittleramt dieser Aus- und Einfuhr war unseren Glaubensbrüdern an der Grenze zugefallen. Vielleicht haben sie sich eben deswegen so in Ungeheuern Massen an der Grenze ansässig gemacht, wie man denn überhaupt an den Ländergrenzen die Israeliten am dichtesten neben einander wohnen findet. Alle diese Canäle münden jetzt in den einen Haupt-Canal, die Eisenbahn. Ganze Städte nicht nur, nein ganze Gegenden, und ganz besonders die unserer Stadt, welche dadurch auch ungeheuere Einbuße erlitten hat — zunächst liegenden, sind von allem Verkehr abgeschnitten und vollkommen verarmt. Die Schuld liegt viertens an dem eigenthümlichen Besteuerungssystem. Was man den Sachen durch Verminderung der Zölle abgenommen, hat man den Personen aufgelegt. Die Steuern bestehen erstlich im Kopfgeld. Für jeden Kopf muß — die Stadt hat dafür aufzukommen — ein gewisser, gar nicht geringer Betrag erlegt werden. Mancher vermögende Mann hat so, da er für die Unvermögenden zahlen muß, oft bis 150 Köpfe zu verzollen. Die Steuern bestehen ferner in Lösung der Billete lConcessionenj zum Gewerbe-Betrieb, eine Einrichtung, welche die gänzliche Vernichtung des Kleinhandels zu bezwecken scheint. Zum Schankbetrieb, ein sehr häufig vorkommender, gehören drei Classen Billete. Das billigste, Wo. 3, giebt blos Befugniß, aus einer Flasche und zwei Gläsern zu verschenken, etwaiger Vorrath darf nur ganz klein und muß versiegelt sein; die Befugniß, und versteht sich auch der Preis, steigt mit Billet No. 2 und 1. Die Billete zum Tabacks- und Cigarrenverkauf l)aben dieselbe Scala; und so muß zum Handel mit jedem einzelnen Gegenstand ein besonderes Billet gelöst werden. Wer nun ein ganzes Materialwaaren-Geschäft besitzt, bedarf einer Unnlasse von Billeten, die zum Theil sehr theuer sind. Einem anderen Besteuerungs-System unterliegt der Kaufmann 1., 2. und 3. Gilde, darunter der 3. Gilde jährlich 75 Rubel und der 1. Gilde 500 Rubel zu zahlen hat. Doch sind auch diese Kaufleute der Gilde vom Lösen der Billete für manche Umsatzartikel und andere eigenthümliche Steuern durchaus nicht befreit. So muß der Kaufmann der Gilde von jeder Thüre seiner Betriebslocalitäten 10 Rubel bezahlen. Dieses verzwickte und raffinirte Gesetzes-System ist nicht nur der Ruin Vieler — so z. B. auch der Umstand, daß kaum Jemand Speditionsgeschäfte, der Hauptbetrieb an der Grenze, betreiben kann, wer nicht Kaufmann 1. Gilde ist — sondern es ist auch dadurch, da es auch dem Redlichsten unmöglich gemacht ist, diese Schranken sammt und sonders inne zu halten, der Beamtenwelt Thür und Thor geöffnet; und russische Beamten- Die unseligste aller Steuern ist freilich die Naturallieferung an Personen zu Soldaten. Vier oder fünf pro Mille und Jahr, das ist die Zahl, und sie soll den Familien entnommen werden, welche die meisten männlichen Glieder zählt. Derjenige, den es betrifft — entzieht sich dessen durch die Flucht, denn es ist kein Vergnügen, für sein ganzes Leben geknutet zu sein, ebenso der Nachfolgende, an den nunmehr die Reihe käme. Die Gemeinde ist für sie verantwortlich. Tausend Jntriguen der verschiedensten Art werden da ins Werk gesetzt, bei denen freilich das Geld die Hauptrolle spielt. Gelingen diese nun nicht und sind auch die betreffenden Recruten — nicht zur Stelle zu schaffen, dann kommt mit Militärbegleitung der Landrath und greift sich die ersten besten auf den Straßen, in den Häusern; dann kann man das eigenthümliche Schauspiel erleben, daß die gesammte männliche dienstfähige und dienstpflichtige Bevölkerung des Ortes nach den nächsten Wäldern oder Orschaften entflieht, sich dort oder anderwärts versteckt hält, bis die Commission wieder abgezogen ist. Und schafft man den Recruten wirklich zur Stelle, so ist damit noch lange nicht Alles abgethan. Erst hat auch noch eine Commission über ihre Tauglichkeit zu befinden- Doch damit sind noch nicht alle Mittel und Wege angegeben, welche man einschlägt, um den Unglücklichen den letzten Kopeken auszupressen, und dabei tritt eine eigenthümliche Erscheinung zu Tage. Der ziemlich zahlreiche jüdische Handwerkerstand, denn andere als jüdische Handwerker giebt's in diesen Gegenden kaum, ist von den meisten der genannten Steuern befreit, hat allein Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, und ist der elendeste, in Hunger und Noth ganz verkommende Stand. Das ist eine Erscheinung, welche nach allen Seiten hin die zahlreichsten Folgerungen herausfordert. Rechnet man nun zu allen diesen Mißständen die mehrjährige Mißernte, und alle die Folgen, welche sich hieran knüpfen, hinzu, so kann man sich die Frage nach der Entstehung dieses furchtbaren Nothstandes fast zur Genüge beantworten. Doch wie mir beim Schreiben, so wird Dir beim Lesen gewiß auch das tröstliche Gefühl überkommen sein: Auch Rußland wird sich dem Bessern mit der Zeit nicht verschließen können, sind doch die aufgeführten Veranlassungen zu der in Rede stehenden Calamität nur Folgen der unseligsten aller Zustände, des Zustandes der Krisis und des Uebergangs — und zwar des Uebergangs zu dem Fortschritte zur Neuzeit. Nur Gewerbefreiheit und Freizügigkeit für Alle und nach allen Theilen des Weltreichs, besonders für unsere Glaubensbrüder, und Alles wird sich dort, und zwar unter der Gesammtbevölkerung, zum Bessern wenden. Die anderen Fragen nach den Regierungs- und Gemeinde-Anstalten zur Abwehr des Nothstandes können jetzt nicht mehr zur Erörterung kommen und müssen einem nächstfolgenden Berichte aufbewahrt bleiben. Nur so viel sei bemerkt, daß die Regierung zum mindesten ihn nun nicht mehr wie früher negirt und ignorirt, und daß die Gemeinden schon durch ihre fast den Communismus verwirklichenden Wohlthätigkeits-Anstalten gewißlich gern Alles thäten, um ihm wirksam zu begegnen, wenn nur die Mittel hierzu vorhanden wären. In anerkennenswerther Theilnahme und Opferwilligkeit haben sich ihrer die deutschen Glaubensbrüder und ein Theil der französischen angenommen. Den Heil und Segen bringenden Rettungsdank der Unglücklichen sind wir hierfür zu übermitteln beauftragt. — Seitdem das Comito sich neu constituirt, haben in elf wöchentlichen Sitzungen folgende Bertheilungen stattgefunden: