Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1869)
- Date
- 1869-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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Beilage zur Allg. Zeitung d. Iudenthums Nr. 14. Erster Rechenschafts-Bericht des Unterstützlmgs-Cvmitö's für die Israeliten an der benachbarten rnss. Grenze seit seiner Neuconstituirung. Memel, den 14. März 1869. Der Unterzeichnete Schriftführer erlaubt sich Folgendes vorauszuschicken: Unter den mannigfaltigsten Fragen, die an uns über Gang und Stand der Dinge unter unfern unglücklichen Glaubensgenossen in Westrußland gerichtet werden, hört man stets die folgenden hindurchklingen: Wie hat diese große Noth unter ihnen entstehen können? Was thut die Regierung und was thun sie innerhalb den Gemeinden selbst zur Abhülfe derselben? So weit es der Raum, so weit es andere Verhältnisse und Rücksichten gestatten, wollen wir diese Fragen zu beantworten suchen. Zum Voraus sei bemerkt: Uebervölkerung, wie vielfach geltend gemacht wird, ist nicht die Ursache dieser Calamität; wären die Verhältnisse und Beziehungen andere, als die unten angedeuteten, und ständen unsere russischen Glaubensgenossen auf der Höhe europäischen Culturlebens — es könnten unbeschadet ausreichender und bequemer Ernährung noch dreimal mehr neben einander wohnen und wirken. An Bildung, thalmudischer Bildung, fehlt es ihnen freilich nicht. Ich bitte darüber nicht verächtlich die Achsel zu zucken. Der Thalmud ist ein ebenso als Central- und Angelpunkt des gesammten Bildungsstoffes anzusehen berechtigtes Bildungsmoment, als alle die lausend anderen dafür anerkannten. Jede Straße, in der Wissenschaft wie im Leben, führt an's Ende der Welt und zu den letzten Gründen der Dinge. Nur dürfen wir den einen Weg nur dann ausschließlich betreten, wenn wir zuvor auch auf den übrigen gehen gelernt haben; und diesen unseren eingeschlagenen Weg verfolgend, dürfen wir die Uebrigen nicht aus dem Bewußtsein schwinden lassen. Das Gros der westrussischen Israeliten hat aber den einen Bildungsweg so ausschließlich betreten, und sein Thun und Denken und sein Leben und Streben so ganz und gar davon abhängig gemacht, und sich so sehr mit den „Sejagim-Lathora" (Zäunen der Thora) umstellt, — von den Wenigen, welche neben der Thora auch das „Derek-Erez" zu schätzen wissen, rede ich nicht — daß die europäische Cultnr sich nur wenig ihnen nahen durfte. Doch ihnen das, was als die nothwendige Conclusion aller Prämissen betrachtet werden muß, als Verbrechen anrechnen, wäre selbst ein Verbrechen. Die Schuld am Nothstande liegt auf ganz anderer Seite. Sie liegt erstlich — um mit dem Geringsten zu beginnen — an der Vernichtung des großen Grundbesitzes. Eine Maßregel, die später zum Heil der Bevölkerung ausschlagen muß, ist jetzt ein halber Ruin. Die Adligen und großen Grundbesitzer sind, ohne Geld und Credit, nach Aufhebung der Leibeigenschaft, theilweise ruinirt, theilweise schmachten sie — und zwar nicht ausschließlich in Polen — als der Conspiration gegen die Regierung verdächtig oder überführt, in Sibirien oder im Exil. Dadurch ist viel Leben und Thätigkeit aus dem Lande geschwunden. Die Schuld liegt zweitens an der bedeutenden Herabsetzung der Eingangszölle. Auch ein Uebergang zum Bessern, welches aber erst dann als heilsame Maßregel wird empfunden werden, wenn der Grenzverkehr vollkommen frei gegeben, vollkommene Handelsfreiheit herrschen wird. Früher, als durch die hohen Eingangszölle die Differenz der Preise hüben und drüben eine enorme war, da ernährte sich vielleicht der größte Theil der Grenzbevölkerung, der jüdischen wie der christlichen, vom — Schmuggel. Ja, sprechen wir es aus, dies fatale Wort; ist doch heutzutage der vernünftige Richter, welcher über den Schmuggler abzuurtheilen hat, durchaus nicht mehr im Zweifel, wo er den größten Theil der Schuld zu suchen hat. Aber es ist ein moralischer Ruin der Bevölkerung, wenn deren Handlungsweise sich mit dem bestehenden Recht in Disharmonie befindet — und wäre dieses Recht auch das größte Unrecht. — Jetzt, da die Eingangszölle bedeutend herabgesetzt, die Grenzbewachung verschärft, die Differenz der Preise keine so große mehr ist, der Schmuggelhandel beinahe ganz aufgehört hat, ist ein großer Theil der Bevölkerung, ihrer Nahrungszweige beraubt, zu Bettlern geworden. Die Schuld liegt drittens an der Eisenbahn. Sie, die Völker verbindende Vermittlerin des Idee-, Cultur- und Producten-Austausches unter einander, und die eine vollkommene Gleichheit des Natur- und Culturlebens unter den Völkern anzubahnen bestimmt ist —, sie, die größte Heilsanstalt der Gegenwart, ist hier vorerst zum größten Unheil ausgeschlagen. Durch Tausend und aber Tausend von Canälen, welche besonders in dichtesten Massen ihre Richtung von und nach der russisch-preußischen Grenze nehmen, sind früher dem ungeheueren Reiche seine Bedürfnisse eingeführt,