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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-23 · Heft 12 (23.3.1869) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 12 (23.3.1869)
Date
1869-03-23
Page
Seite 244 (sequence 24)
Language
German
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244 mehr in ihrem Anschauen vertiefend, Alles um sich her vergißt, geht die Thür des Salons leise auf und er sieht auf einmal zu seinem unaussprechlichen Schrecken den ferngeglaubten Gatten mit mehreren seiner Freunde hereinkommen. Seine Lage erfassend, springt er auf, um nach seinem Degen zu greifen, aber es war schon zu spät. Er wurde ergriffen, in den Hof geschleppt, dort entkleidet, an einen neben dem auf die Gasse gehenden Geländer befindlichen Baum gebunden und ganz mit Schmutz ein geschmiert. In dieser Lage mußte er die ganze Nacht und einen Theil des Morgens aushalten und sich an diesem Pranger den Blicken der Neugierigen aussetzen. Endlich band man ihn los, erlaubte ihm, sich abzuwaschen, und führte ihn in großer Begleitung der inzwischen zahlreich versammelten Judengemeinde vor den Obersten, dem man die Species facti schriftlich übergab und ihn anging, seinen Officieren in aller Strenge zu befehlen, die israelitischen Häuser zu verschonen, widrigenfalls man nicht für die Folgen stehen könne. Nach solcher und noch viel eindringlicherer Rede übergaben sie den Officier und seinen Degen dem Obersten und gingen ihrer Wege. Der bestrafte Seladon mußte ins Bett gebracht werden, um sich heilen zu lassen. Das Officiercorps der Garnison gerieth darüber, sowie die Sache unter ihm bekannt wurde, in nicht geringe Bewegung; einige von ihnen wurden abgeschickt, um den Israeliten zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Deputation fand unseren Kaufmann an einem öffentlichen Orte. „Sie haben", fährt ihn der Sprecher an, „unseren Kameraden, den Officier . . . beschimpft!" — „Ja," unterbricht ihn Jener rasch, „ich habe ihm gethan, was er verdiente, und was ich Jedem von Euch und jedem Anderen thun werde, der sich beikommen läßt, in mein ehrliches Haus Schande und Zerstörung tragen zu wollen. Glaubt Ihr, wir Juden seien Rumänen ohne Ehre, ohne Treu und Glauben und ohne Religion? Wenn Ihr wie die Thiere im Walde leben könnt, so wißt, daß wir Juden dies nicht können; wir haben unsere Gesetze, unseren Gott, unsere Familie, die uns heilig sind, und wehe dem, der sich untersteht, daran sich zu vergreifen! Von nun an geht kein Hebräer ohne Waffen, und auf das geringste gegebene Zeichen steht die ganze Gemeinde auf wie ein Mann, und dann wollen wir sehen, was geschieht." In diesem gemessenen Tone ging es eine Weile fort. Endlich bemerkte der delegirte Officier, daß man den unbedachten jungen Menschen leichter hätte bestrafen können, daß er aber jetzt in Folge der erlittenen Mißhandlungen krank liege. „Wer soll nun," so schloß er, „die Kosten seiner Heilung tragen?" — „Ah! wenn es nur darum zu thun ist," entgegnete der Jsraelite, „so brauchen Sie nur zu sagen, wie hoch Sie diese Kosten anschlagen?" — „Ein paar hundert Ducaten mindestens," antwortet der Officier. Der Kaufmann läßt diese zweihundert Ducaten holen und zählt sie im Beisein mehrerer Neugierigen, die sich um sie versammelt hatten, dem Officier auf, der sie denn auch im Namen seines kranken Kameraden in Empfang nimmt. Nachdem dies in aller Ruhe geschehen, ergreift der Kaufmann abermals das Wort: „Da nun die Sacke abgethan ist, laffen Sie uns den Groll in einem Glase Champagner ertränken und bleiben wir gute Freunde." Einige Flaschen Champagner wurden nun auf gegenseitige Gesundheit geleert, und man ging in vollkommener Eintracht nnd gegenseitig befriedigt auseinander. Der Oberst des Regiments, der voll Schulden ist und ganz in den Händen der Juden steckt, und der von ihnen in diesem Vorfälle zwar indirect, aber doch öffentlich und klar genug über sein Verhalten im eigenen Hause beschämt worden ist, mußte zum bösen Spiele gute Miene machen; aber er konnte doch nicht umhin, den also prostituirten Officier aufzufordern, daß er seine Demission gebe. Sobald aber dieser hergestellt worden, begab er sich nach Bukarest und bewirkte dort bei dem betreffenden Chef im Ministerium, der seinem Obersten nicht freundlich gesinnt war und die Gelegenheit es ihm zu zeigen, mit Freuden ergriff, den Bescheid, daß es dem Obersten gar nicht zustehe, einen Bojarensohn gegen dessen Willen zur Demission zu zwingen. Unser Officier zog nun triumphirend mit diesem Bescheide in seine Garnisonsstadt ein, wo er vermuthlich den schönen Jüdinnen nunmehr auSweichen wird. Historische Notizen Bon G. Wolf in Wien. Die jetzigen Finanzminister sind oft in peinlicher Verlegenheit, welche neue Steuern sie ersinnen sollen. Das war in früheren Zeiten bezüglich der Juden anders. Da erfand man die sonderbarsten Steuern. So mußten die Juden in Prag für die Erhaltung der fünf Hunde des bekannten Feldherrn Piccolomini Sorge tragen und sie verpflegen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eines andern Curiosums, welches uns von einem Archivbeamten im Ministerium des Aeußern mitgetheilt wurde, erwähnen. Der geistliche Orden, dem hier der Schottenhof, eines der größten Gebäude der Stadt, gehört, der jetzt sehr reich ist, war in früheren Zeiten arm. Einmal, als die geistlichen Herren in Geldverlegenheiten waren, borgten sie bei Juden Geld. Als Pfand gaben sie die Glocke am Kirchthurme, d. h. es durfte nur mit Einwilligung der Juden geläutet werden. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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