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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-23 · Heft 12 (23.3.1869) · p. Seite 241

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 12 (23.3.1869)
Date
1869-03-23
Page
Seite 241 (sequence 21)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zu-enthums. Feuilteton-Mlage zu Nr. 12. Leipzig, den 23. Mär; 1869. Religionsphilosophisches. Die Begriffswelt des Menschen entwickelt sich aus den Gegensätzen, von denen wir einen auf dem Grunde des anderen begreifen. So erging es auch mit dem Gottesbegriffe, indem Gott als der Inbegriff alles Guten in der Gedankenwelt der Menschen einen Gegensatz als den Inbegriff alles Bösen, oder als Inbegriff des Schaffens seinen Gegensatz als Inbegriff des Vernichteus (des Werdens und des Vergehens» hervorrief. Es ist nun eine noch nicht genug gewürdigte Erscheinung, daß unter allen Nationen die Israeliten und die Griechen allein es waren, welche den Gottesbegriff von diesem Gegensätze frei machten. Die Lehre Mosis kennt kein Princip des Bösen, keinen Verderber und Vernichter, sie lehrt die Einheit des göttlichen Wesens und die Einheit seiner Schöpfung, der Welt, die vollkommen und in welcher Alles vollkommen in seiner Art ist. Aber auch die Griechen kannten keinen Teufel, kein Princip des Bösen, und selbst die Götter und Geister der Unterwelt waren ihnen. eben göttlich. Der Unterschied liegt nun darin, daß die Lehre Mosis diese Einheit aus dem Begriff des Vollkommenguten, die Griechen aus dem des Vollkommenschönen erfaßten. Deshalb war nach der Lehre Mosis diese Gottheit auch einzig, und sie verkündete jene Einheit auch im Wesen Gottes, weil eben hier das logisch Wahre und sittlich Vollkommene die Grundlage bildete; die Vorstellung des Schönen aber gehört der Anschauung, der Phantasie an, welche die Erscheinungen nur als Individualitäten vorstellt, und dem Griechen löste sich daher jene Einheit in die Vielgötterei auf, so daß der ursprünglichen Einheit auf zweiter Stufe doch wieder der Gegensatz der Vielheit entgegentrat. Die mosaische Lehre allein verblieb also in der Freiheit von der Gegensätzlichkeit, während die Griechen der letzteren wieder verfielen, und nun in ihrer Philosophie nach der ursprünglichen Einheit zurückstrebten. — Diese Auffassung, hier nur flüchtig angedeutet, giebt den Stoff zu einer tieferen und weiteren Entwickelung. Anbeuten wollen wir noch, daß es ein Jrrthum wäre, auch den Buddhismus hierher zu ziehen; denn dieser bewegt sich der Trinität des Brahmanismus gegenüber nur in dem Dualismus des Nichts und der Bewegung, indem ihm Alles aus dem Nichts durch die Bewegung hervorgeht und durch sie wieder in das Nichts zurückkehren soll. Die Gegensätzlichkeit tritt hier um so schroffer hervor, als der Buddhismus keine Erklärung gegeben, wie die Bewegung in das Nichts gekommen. Es ist fast unglaublich, mit welcher Seichtigkeit die religiösen Dinge auch von sonst denkenden Menschen aufgcfaßt und besprochen werden, und diese sich so oft wiederholende Wahrnehmung erklärt es uns auch, wieso die Menge mit verwundernswerther Beschränktheit sich so leicht den Schlagwörtern der oft so oberflächlichen Führer hingiebt. Wir verstehen hier unter Menge durchaus nicht blos die Masse der Ungebildeten, sondern auch die großen Schaaren der sog. Gebildeten; wir meinen nicht blos die Menge derer, welche blind den Fanatikern aller Consessionen folgen, sondern auch die zahlreichen Haufen, welche sich leichtgläubig den Theorien und Hypothesen der sog. Ungläubigen ergeben. So lasen wir in diesen Tagen in einem Aufsatze Karl Gutzkow's aus jüngster Zeit, und gewiß muß dock Gutzkow als ein denkender Kopf gelten: der Gott der Christen ist ja auch nur eine höhere Stufe als der Gott des Judenthums zum Gott Spinoza's. Es ist dies insofern nicht modern, als man dadurch die verschiedenen geschichtlichen Erscheinungen in ein bequemes Entwickelungsschema bringt und dann damit fertig ist. Immer hübsch regelmäßig eines über das andere gestellt, und man ist mit Begriff und Verständniß fertig. ' Hätte sich Gutzkow mit der Darwinschen Thevrw arrangirt, so wäre ihm noch eine vierte Stufe, der Gott Darwin's über dem Gotte Spinoza's bei der Hand gewesen, und er hätte vielleicht zur Bequemlichkeit, um nicht von einer Stufe zur andern den Fuß zu hoch heben zu müssen, die Naturphilosophie dazwischen geschoben. Seicht und oberflächlich schon von außen her, denn die Geschichte zeigt oft genug, daß es große Perioden und Erscheinungen des Rückschrittes giebt, die darum doch einen bedeutsamen Inhalt haben. Das Mittelalter z. B. war eine solche lange Periode des Rückschrittes gegen das Alterthum, aber es war durchaus nicht leer oder chaotisch, sondern eine vollkräftige Natur, die aber wahrlich keine höhere Stufe als das antike Wesen war und erst durch die

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