Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1869)
- Date
- 1869-03-09
- Page
- Seite 200 (sequence 20)
- Language
- German
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200 solcher verstorben) von der Jagd zum Thore herein. Ein lahmer Schneidergeselle, der noch dazu als Waisenkind auf Kosten des Herzogs erzogen worden, hatte die Frechheit, dem Pferde des Erbprinzen in die Zügel zu fassen. Ein Stoß mit dem Fuße, und er lag zu Boden, und nun nahm der Prinz die Jagdpeitsche zur Hand und jagte den ganzen aufrührerischen Schneiderhaufen vor sich her, der sich eilends in die Straßen und in ihre HAix verlief. Der Prinz lachte und ließ nicht einmal - ‘ ’iemo': Untersuchung folgen. * . ' " Schließen wir hiermit diese Schilderung, und gehen i, wir zu den äußeren und inneren Verhältnissen der Juden ii^unsereich Ländchen über. * - Correspondenz. London, 12. Februar. Was in unserer Weltstadt und in ganz Britanien noch nie vorgekommen ist, haben wir am Sabbath «2 's in der Portland-street-Synagogue allhier erlebt, und der wohlthuende Eindruck davon wird mir und gewiß auch allen Ohren- und Augenzeugen immer innebleiben. Ein taubstummer Knabe nämlich wurde beim Morgen-Gottesdienste vom 16. Januar in ebengenannter Synagoge als NiLa—>2 zu dem gewöhnlichen Segenspruch vor die Gesetzrolle gerufen. Hat nun schon das Aufrufen dieses Mitleidenswerthen selbst bei allen Anwesenden eine merkbare Verwunderung und gespannte Erwartung hervorgebracht, wodurch eine sehr feierliche Stille entstand, so erregten die hell lautende und deutliche Aussprache wie auch die ehrfurchtsvolle Haltung, mit welcher dieser von der Geburt ab gehörlose Jüngling den hebräischen, dem Ewig-Einen geweiheten Dankspruch für die uns gegebene Wahrheit- und Lebenslehre vortrug, ein allgemeines Erstaunen. Der Zartfühlende wurde davon tief gerührt und Manchem siel dabei die prophetische Verkündigung ein von der Messianischen Zeit, die da lautet (Jesaia 35,?.): „und lobpreisen wird dann die Zunge des Stummen!" Dieses denkwürdige Ereigniß, wie es The jewish Record und The jewish Chronicle nennen, ist die erste Frucht der eifrigen Strebsamkeit und Thätigkeit eines jungen Mannes, Namens W. v. Praagh. Dieser nämlich wurde von seiner Geburtsstadt Rotterdam, wo er auch in dem weitberühmten Taubstummen-Jnstitut unter der Leitung des Direktors Dr. Hirsch die für seine gegenwärtige Carriere nöthige Bildung erhalten hat, vor ungefähr zwei Jahren hierher berufen, um in dem hier ein Jahr früher errichteten lew Deal and vumb Home, wo aber nur die Gebärdensprache geübt wurde, die Zöglinge nach der zweckmäßigen deutschen Methode mit der natürlichen Lautsprache zu unterrichten. Und es ist demselben bereits so weit gelungen, daß er außer dem glänzenden Erfolge an dem erwähnten rnaa—:a, auch einige Tage später in einem öffentlichen Examen mit all seinen Zöglingen die überraschendsten Resultate seiner mühe- und einsichtsvollen Leitung erwiesen hat. Die öffentlichen Blätter berichteten dieses auch mit außerordentlichem Eclat. Die Direktion und an deren Spitze die Baronin Meyer-Rothschild, geht auch jetzt damit um, diese Anstalt ganz nach dem Muster des Instituts zu Rotterdam einzurichten und für alle Confessionen offen zu stellen, zu welchem Ende sie häufig mit Herrn Hirsch Rath pflegt, der seine Dienste gern dazu verleihet, und hat sie auch in dieser Absicht verwichenen Sommer selbst eine Reise hieher gemacht. Wir wissen übrigens, daß dieser herrliche Zweig der Pädagogik mit all seinen wohlthätigen und bewundernswerthen Erfolgen lange nicht mehr neu ist, er ist aber auf feinem Triumphzuge von Deutschland aus über Holland nur jetzt erst hier angelangt und wird, wie wir vernehmen, bald diesen Siegeszug auch nach der neuen Welt fortsetzen. Trotz alledem aber haben unter u»8 bei dieser Gelegenheit einige Hyperorthodopen ihren Zweifel zu erkennen gegeben, ob ein Taubgeborener wohl nach der Lehre des Talmud, wenn er auch nach dieser Methode zum Sprechen gebracht ist, ein vollgiltiger Israelit in allen Beziehungen sein kann? Da ihm nicht nur der Gehörsinn fehlt, sondern er auch auf gewöhnlichem Wege die Sprachfähigkeit und die fernere geistige Entwickelung nicht erlangen kann, und demnach noch unter die Klasse von "la^in yaniu ir«« aä-ir. zu stellen wäre. Da nun diese Frage weit in das religiöse Leben solcher Menschen, so wie in ihre gesellschaftlichen Beziehungen eingreift, so wäre es sehr zu wünschen, daß einige Autoritäten, die fach- und fachkundig sind, diese casuistische Frage zur Auflösung bringen möchten.*) B.. . *) Wir überlassen dies solchen Personen, welche eine derartige Frage nur aufzuwerfen für ihrer würdig halten. Die Redaktion. Kleine Mittheilungen. Der Jrrthum eines Gelehrten. Mit Bezug auf den Jrrthum Hitzig's, welchen Dr. Adler in Nr. 4 d. Bl. bespricht, theilt uns Herr Herrmann Tietz in Berlin einen Schnitzer Buxtorf'S mit, auf den sein Lehrer, H. Dr. Lebrecht, aufmerksam gemacht. Buxtorf übersetzt z:a->i iw-ip, welches am Ende der Mischnatraktate steht, mit sanctissimus discipulorom „der heiligste der Schüler"!! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Id». H. Lotze.