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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-02-16 · Heft 7 (16.2.1869) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 7 (16.2.1869)
Date
1869-02-16
Page
Seite 139 (sequence 19)
Language
German
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139 werden. —- Der Leser dieser anspruchslosen.Skizzen verzeihe uns diese Abschweifung, ja verfolge den obigen Gedanken noch eine kleine Weile mit uns. Allerdings, der Humanitätsbegriff, der das vorige Jahrhundert begeisterte, und mit welchem es den ganzen bisherigen Bestand der Menschheit mit einem Male überwinden zu können vermeinte, war ein oberflächlicher, einseitiger, an Form und Inhalt schwächlicher. Ihm fehlte alle Würdigung der Individualität, der Nationalität, des Zeitperiodischen, der Geschichte überhaupt. Weil man die abgestorbenen Massen des Feudalstaates, der streng geschiedenen über einander gethürmten Stände, der alles gewerbliche Leben erdrückenden Zünfte u. s. w. vor sich hatte, die todten Lasten der Rechtsbeschrankungen, der Leibeigenschaft und Hörigkeit, des Absolutismus und Despotismus, der Vorurtheile aller Art zu tragen hatte, weil die gebildeten Geister aller eivilisirten Völker sich in ihren Anschauungen begegneten, weil das Bewußtsein allgemeiner und unveräußerlicher Menschenrechte in vielen erwacht war, darum glaubte man mit dem Begriff einer allgemeinen Humanität, mit einer ideellen allgemeinen Gleichheit und Freiheit, mit dem Schwärmen und Enthusiasmus dafür Alles abgethan und beseitigt zu haben. Diese oberflächliche Erkenntniß der menschlichen Natur vermochte, sowie sie an die Wirklichkeit herantrat, nicht stand zu halten, und es erfolgten alsbald jene furchtbaren Erschütterungen, über die wir heute noch nicht hinaus sind, jene unaufhörlichen Kämpfe, in denen wir jetzt noch mitten inne stehen. Alle die, von jenen Hnmauitätsgläubigen übersehenen Momente der menschlichen Natur und der geschichtlichen Entwickelung erstanden eines nach dem anderen, um ihr Dasein so lange zu vertheidigen, bis es der ringenden Menschheit gelungen wäre, sie in ihrem wirklichen Werthe zu erkennen und ihnen hiernach die angemessene Eingliederung in ihren Organismus zu verschaffen. Alle die politischen und socialen Fragen, die sich seitdem erhoben, die ganze Nechtsarbeit, die seitdem geschehen, der Streit um die Nationalitäten, um die Confessionen, um die Verhältnisse der verschiedenen arbeitenden Klassen zu einander, um die Besteuerung, um Gewerbe- und Handelsfreiheit u. s. w., sie alle sind Zeugen gegen den Humanitätsbegriff, die Humanitätsstürmerei des vorigen Jahrhunderts — aber halt! doch nur Zeugen, daß mit dieser allgemeinen Idee an sich noch nichts anzufangen war, daß ihr erst Inhalt und Form geschaffen werden mußten, nicht aber gegen diese Idee selbst, die dasselbe Ziel, nach welchen: unsere Entwickelung strebt, nur in zu allgemeinen und phantastischen Linien hinstellte. Sie war die Mutter alles nachfolgenden Strebeus, und auch hier zeigt sich, wie auf anderen Gebieten, die Tochter etwas undankbar und leichtfertig gegen jene. Dabei ist nicht zu vergessen, daß jene eine Einheit, eine Reinheit und einen Glanz bietet, welchen die Zerfahrenheit und Verwirrung der Jetztzeit kein gleich anziehendes Gegenbild aufzustellen vermögen. In ähnlicher Weise steht es um die Religion des vorigen Jahrhunderts. Alle Confessionen damaliger Zeit existirten in völliger Geist- und Kraftlosigkeit; Alles war in ihnen erstarrt und bewegungslos; jede derselben bestand nur in versteinerten Formen, an welche die Seelen ängstlich gebunden waren. Dies verhinderte aber nicht, vielmehr lag es in der Natur dieser munificirten Gestalten, daß sie mit ihren Formeln und Formen die unbedingte Herrschaft über das Leben übten und es gefangen hielten. Hieraus wollte man sich retten, diese Götzendienerei, wie man sie nannte, zertrümmern, und man glaubte dies nun, so weit mau sich von den bestehenden Kirchen ganz frei machte, durch eine sogenannte „natürliche Religion", so weit man sich den Kirchen nahe hielt, durch den Rationalismus zu erlangen, der am Ende doch nichts weiter als jene „natürliche Religion" mit einigen, den Kirchen entlehnten allegorischen und symbolischen Verzierungen und einer Geschichtsauffassung nach seiner Art war. Diese natürliche Religion wurzelte aber nur in einer sehr oberflächlichen Kenntniß und Erkenntniß der Natur, aus der man sich die Erscheinungen nach einem gewissen Schema deutete, und diese Deutung für die unerschütterlichen Grundlagen der menschlichen Ueberzeugung und aller sittlichen Verhältnisse ausgab. Hiermit glaubte man den geschichtlichen Bestand der Kirchen, die Existenz aller positiven Religionen beseitigt, alle religiösen und sittlichen Bedürfnisse des Meuschengeiftes befriedigt zu haben. Weil man entdeckt zu haben meinte, daß in gewissen Punkten alle Religionen übereinstiunnen, daß das Ziel und Bedürfniß aller Menschen auf Eines hinausliefe, daß durch einige Allgemeinsätze eine Verständigung aller Menschen ermöglicht wäre, und daß für jene eine vernunftgemäße Betrachtung der Natur genügenden Anhalt gäbe, war man des Glaubens, daß hiermit Alles gewonnen und alles Entgegenstehende überwunden sei. Ich brauche es nicht auszuführen, daß es mit dieser natürlichen Religion wie mit jenem Humanitätsbegriff stand und ging. Je weniger sie in die Tiefe gingen, je leichter sie es mit der Begründung und den: Verständuiß ihres eigenen Wesens nahm, und mit dieser Schwäche ihrer Vernunftmäßigkeit eine Nichtbeachtung des Gefühlslebens, alles tieferen psychologischen Lebens verband, je mehr sie alle geschichtlichen Momente und alle Individualität übersah, desto rücksichtsloser erstanden die gegnerischen Elemente und stießen die natürliche Religion energisch zurück. Die kantische Philosophie, die historische Kritik erhoben sich ebenso mächtig gegen sie wie die Romantik, die Orthodoxie und der Pietismus. Es erfolgten auch hier die erschütterndsten Kämpfe, die mit ausdauerndster Arbeit verbunden waren. Aber war nicht jener Geist des vorigen Jahrhunderts der eigentliche Erzeuger alles Folgenden? Mußten ihm nicht selbst seine schroffsten Gegner für die Bewegung, das Leben danken, die er hervorgebracht? Und sind ihm nicht alle diejenigen verpflichtet, welche auch auf dem religiösen Gebiete nach

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