Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-26 · Heft 4 (26.1.1869) · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 4 (26.1.1869)
Date
1869-01-26
Page
Seite 80 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226695--26858-3262411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bürgermeister, eine Deputation des Veteranen-Vereins sowie viele Freunde unv Bekannte eingefnnden. Nachdem der Herr Bürgermeister als Vertreter der Stadt dem Paare seine Glückwünsche dargebracht und sein Bedauern ausgesprochen, daß das Gnadengeschenk Ihrer Majestät der Königiu-Wittwe noch nicht angekommen sei, überreichte er ein Schreiben des General-Lieutenants v. Malizewski als Präsidenten des Curatorimns des National-Danks für Veteranen. Eine ergreifende Ansprache des Herrn Schütz schloß sich an, der zum Schluß dem Jubelpaare den Segen ertheilte, welchem er vor 50 Jahren am Altäre die Hände zum ehelichen Bunde in einander gelegt. Ein fröhliches Festmahl endigte den Tag. Beim Empfang in den Tuilerien (Paris) am ersten Januar machte ein Almosenier seinen Nachbar auf die jüdischen Rabbinen aufmerksam uud fügte hinzu: „Man möchte sagen, daß sie unser Costüm angenommen haben."*) „Jene behaupten, erwiderte dieser, daß Ihr ihnen viel mehr gestohlen habt." — „Mein Herr, entgegnete einer der Rabbinen, welcher dieses Gespräch mit angehört, wir bedienen uns solcher Ausdrücke nicht." *) Die französischen Rabbinen tragen ein Ornat, das dem der Jesuiten sehr ähnlich ist. Cmiosmn. Die jüdische Bevölkerung in der ungarischen Stadt Schütt-Somerein. Die confessionelle Gleichberechtigung wurde in Ungarn bereits zum Gesetze erhoben; in der praktischen Durchführung aber stößt sie auf dieselben Hindernisse, die der Verwirklichung des Prineips der Freizügigkeit in Deutsch-Oesterreich entgegenstehen. Ungarn besitzt zwar keine „glaubenseinheitliche" Provinz, dafür aber bevorzugte Orte, die durch unverbrüchliche Privilegien gegen alle Ansiedlungsversuche der Juden geschützt sind — und die dem Gesetze und dem Regierungs-Erlasse, sowie den Anforderungen der Zeit und Humanität nur immer ihr „verbrieftes Recht" eutgegeuhalten. Früher gab es viele solche Orte in Ungarn; allein schon in den Zwanziger Jahren hat der Fürst-Primas Alexander v. Nudnay die Privilegien der Priniatial-Städte aufgehoben, und war es nur wenigen mehr gegönnt, die alten ehrwürdigen Rechte ungeschmälert uiib unverkürzt zu erhalten. Zu diesen letzteren gehört auch Schütt-Somerein. Bis vor wenigen Wochen noch konnten die Bürger des Städtchens mit stolzer Befriedigung erzählen, daß in Schütt-Somerein noch niemals ein Jude die Nachtruhe genossen, nicht einmal Dr. W., der jüdische Stadtarzt, der es gewagt, seinen bleibenden Aufenthalt in dem Orte nehmen zu wollen, wo er durch die Wahl der Gemeinde als praktischer Arzt angestellt war. Br. W., Arzt in Milchdorf, war zugleich Stadtarzt in Somerein. Er wurde täglich des Morgens in einem Wagen abgeholt, mußte jedoch mit Sonnenuntergang wieder die Stadt verlassen. Nicht einmal zur Zeit der Chorlera-Epidemie war es ihm gestattet, in Somerein zu übernachten. Seine Vorstellungen über das Unnatürliche der Situation blieben, so beliebt er auch war, lange erfolglos. Endlich erklärte ihm ein Bürger, er sei bereit, ihm, dem Doktor, eine Wohnung in seinem Hause einzuräumen. Dr. W. erhielt zwar mehrere anonyme Zuschriften, worin er beschworen wurde, von dem Anerbieten keinen Gebrauch zu machen uub die altehrwürdigen Gebräuche der Stadt, keinen Juden aufzunehmen, zu respectiren. Dr. W. beachtete aber diese Ermahnungen nicht und übersiedelte nach Schütt-Somerein. Am selben Abende jedoch wurde der Doktor zu einem Kranken im nahen Dorfe geholt. Er bestieg den bereitstehenden Wagen, der, von zwei tüchtigen Pferden gezogen, rasch zum Städtchen hinausrollte. Bald merkte jedoch der Doktor, daß der Wagen die Straße verlassen habe, der Boden wurde immer weicher, und endlich blieb der Wagen ganz stehen. Der Doktor blickte hinaus, er befand sich mitten in einem großen Sumpfe und konnte in der Dunkelheit noch bemerken , daß der Knecht mit den losgespannten Pferden davonritt; der Doktor mußte die ganze Nacht in dieser peinlichen Situation ausharren. Er brachte seine Klage in Wien und in Pest vor, nachdem er jedoch lange vergebens auf eine Satisfaction gewartet, legte er seine Stelle nieder unv verließ die Gegend. Zu seinem Nachfolger wurde Dr. D., jüdischer Arzt in Milchdorf, gewählt. Dieser knüpfte zwar an die Annahme der Wahl die Bedingung, daß ihm das unbehelligte Wohnrecht in Somerein eingeräumt werde, er wurde jedoch auf später vertröstet und ersucht, einstweilen, gleich seinem Vorgänger, in Milchdorf zu verbleiben. Das Später wollte jedoch niemals kommen, und Dr. D. übersiedelte irr ein anderes Eomitat. Nun wurde abermals ein jüdischer Doktor zu Milchdorf zum Sladtarzte für Schütt-Somerein gewählt. Mittlerweile wurde in Pest die Gleichberechtigung der Confessionen ausgesprochen, und nun versuchten zwei jüdische Familien, sich in Schütt-Somerein anzusiedeln, was ihnen gesetzlich gestattet werden mußte. Gestern Nachts wurden diesen beiden jüdischen Familien die Fenster eiu geschlagen und die Möbel zertrümmert. Verlag von Barrrngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur »». H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.