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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-26 · Heft 4 (26.1.1869) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 4 (26.1.1869)
Date
1869-01-26
Page
Seite 78 (sequence 20)
Language
German
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78 sterdam ein Handelshaus errichtet, dessen Leitung er Benjamin übertrug. Während seines Aufenthalts in Amsterdam machte er mit sehr unterrichteten Leuten, wie van der Pool und de Smeth, Bekanntschaft und wurde durch sie auf die damals sehr verfallene französische und aufblühende englische Staatswirthschaft geführt. Er übersetzte in seinen Mußestunden ein Theaterstück und verfertigte eine Broschüre über die Lage Englands und dessen merkantilische Verfassung. Moses Mendelssohn, dem er beides zuschickte und der von Übersetzungen theatralischer Schriften überhaupt kein Freund war, rieth ihm ab, mit dieser Beschäftigung fortzufahren. Er bediente sich dabei der Lehre des Lope de Vega: „Wer in seinem Leben nicht zwölf Verse gemacht, ist ein Faullenzer, wer aber mehr macht, ist ein Verschwender." Bei der ersten Theilung Polens spielte Benjamin eine nicht unbedeutende Rolle. Er machte zuerst den König Friedrich darauf aufmerksam, daß jede der anderen Mächte sich eine Million Menschen aneignete, während Preußen kaum die Hälfte zusiel. Er schien überhaupt dem preußischen Hofe ziemlich nahe zu stehen: er wurde nach Brüssel geschickt, um in der holländischen Revolution für Preußen zu agiren; Friedrich Wilhelm schickte ihn nach Paris, um eine Allianz mit Frankreich abzuschließen. Auf dieser Reise lernte er die bedeutendsten Männer der Revolution Mirabeau, Barnave, Dumourier, Robespierre, auch Sieyes, den französischen Kant, wie er ihn nennt, kennen. Auch Haugwitz, Luechesini, Schulenburg waren ihm nicht unbekannt. In Straßburg machte er.mit Lenz Bekanntschaft, welcher ihn in einem Briefe an Herder als einen „guten, wachsweichen Menschen" schildert; „er hat sich so an Straßburg angeklebt, daß ich nicht weiß, ob er je loskommen wird. Sein voriger Reisegefährte hat ihn beim Mitleiden angepackt, da zappelt er nun."*) Napoleon ließ ihn nach Küstrin transportiren. Als er auf dem Transporte in Müncheberg ankam, war das ganze Wirtshaus mit Neugierigen gefüllt; Alle wollten den Juden sehen; auch der hochwürdige Herr Pfarrer fand sich ein, um dem Volke den jüdischen Delinquenten recht „ans Herz zu legen". Schläge und Fäuste begrüßten ihn und Tritte blieben nicht aus, auch Koth warf man ihm ins Gesicht — und die Hamburger Zeitungen brachten damals die Nachricht: „Ein bei seiner Nation in Achtung stehender Jude ist dieser Tage wegen gepflogener verrätherischer Correspoudenz arretirt worden." Benjamin Beitel Ephraim schrieb nach seiner Entlassung über die schimpfliche Behandlung, welche er in der Festung erfahren hatte, ein besonderes Buch «lieber meine Verhaftung und einige andere Vorfälle meines Lebens [1S0S]).**) Kayserling. *) Aus Herders Nachlaß, I, 233. **i Wir werden hierauf noch einmal zurückkouunen. Redaktion. Correspoudenz. Prag, 11. Januar. Seit dreizehn Jahren besteht hier der Privat-Frauenverein zur Erziehung armer israel. Waisenmädchen, zu dessen Zustandekommen der erste Impuls nicht wie bei den andern hier bestehenden Vereinen von der Repräsentanz der israel. Kultusgemeinde, sondern von einigen edlen Damen, und zwar in erster Reihe von der Frau Franziska Rosenberg und Frau Karoline Stark, gegenwärtige Vorsteherin, ausgegangen ist. Auch der Vorstand dieses Vereines besteht seit dessen Begründung nur aus Damen, und wahrlich die Interessen desselben haben darunter nicht gelitten, daß die Leitung den Händen des schönen Geschlechtes anvertraut war. Ein Bericht über die Verhältnisse und das Gebahren dieses Vereines würde von dem Gesagten leicht überzeugen. Allein wir sparen uns dies für ein anderes Mal auf, weil demnächst eine Generalversammlung desselben stattfinden und der Jahresausweis für das letzte Verwaltungsjahr ausgegeben werden wird. Für heute beschränken wir uns darauf, einige Mittheilungen über eine von dem Vereine am 5. d. M., als am Gründungstage und aus Anlaß der Entlassung zweier Zöglinge veranstaltete Feierlichkeit, zu machen. Dieselbe wurde vom Oberkantor des neuen Tempels, Herrn Pereles, mit einem Choräle eröffnet. Hierauf trug ein Zögling der Anstalt den 121. Psalm und ein passendes Gebet in deutscher Sprache vor. Nun folgte die Festrede, gehalten vom Jnstitutslehrer Herrn I. Rosenthal. In derselben setzte der Redner Zweck und Ziel eines Waisenhauses, sowie die Priueipien, nach welchen ein solches geleitet werden muß, um diese zu erreichen, auseinander; indem er sich die schönen und wahren Worte Auerbach's, des Begründers der Waisenhäuser in Berlin: „Waisenkinder sind nicht arme Kinder, denen man blos Obdach und Brod zu reichen hat, sondern Waisenkinder sind elternlose Kinder, die vor Allem elterliche Liebe, ein Vater- und Mutterherz bedürfen. Das Waisenhaus muß, wenn es seinem wahren Zwecke entsprechen soll, ein Elternhaus für Waisen sein," zum Leitfaden nahm. Sodann trug ein anderer Zögling das glaubensinnige und trostreiche Gedicht „Israel" aus Philippsohn's Azaih Ilascliiilom vor. Nachdem noch die auszutretenden Zöglinge dem Vorstande unter Thränen für die in der Anstalt genossenen Wohlthaten den Dank ausgesprochen hatten, wurde die Feier mit der Absingung des 150. Psalms beschlossen. Der tiefe Eindruck, den dieselbe machte, äußerte sich in den Thränen, welche den Augen der zahlreich anwesenden Damen entquollen. Hoffentlich wird dieselbe nicht verfehlen auch das Interesse derjenigen Damen, welche dem Vereine bis jetzt noch nicht beigetreten sind, für denselben zu erwecken, da durch dieselbe dessen humanitäre Bestrebungen in's schönste Licht gestellt wurden. Unter den vielen Gästen befand sich nebst andern Honoratioren der Herr Bürgermeister i)r. Klaudy, welcher sich über die Verhältnisse des Ver-

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