Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-26 · Heft 4 (26.1.1869) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 4 (26.1.1869)
Date
1869-01-26
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226695--26855-3262408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Allgemeine Zeitung -es Zu-cnthums. Femlteton-Beilage jit Ar. 4. Leip zig, den 26. Januar 1869. Benjamm Beitel Ephraim. Von den Söhnen des am 16. Mai 1775 verstorbenen königlichen Hofjuweliers und Banquiers Beitel Ephraim, oes berühmten Vaters der berüchtigten Ephraimiten, hat keiner ein wechselvolleres Leben geführt als Benjamin: er war Banquier, Staatsmann, politischer Gefangener, Schriftsteller und noch verschiedenes Andere. Nicht ohne Interesse wird man die kurze Lebensskizze aufnehmen, welche wir hier liefern und in der wir ihn gern zuweilen redend einführeen. „Die Erziehung in dem preußischen Staate überhaupt war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch sehr zurück und ganz besonders bei den Juden. Ich wurde einem ärmlichen Talmudisten übergeben, der mir den Scharfsinn der Rabbiner einprägte. Dieser Mensch war aber zum Glück ein guter Hebräer, und ich lernte diese Sprache recht gründlich. Um die h. Schrift und die Propheten zu verstehen, wurde beschlossen, mir die deutsche Sprache, Lesen und Schreiben, durch einen Unterofsicier beibringen zu lassen, jedoch nur auf drei Monate. Sehr oft hörte ich meinen Vater sagen, daß Magister L es sing einer der größten Männer sei; derselbe machte nämlich zuweilen Bestellungen und Eingaben für ihn an den König und andere Behörden. Dies merkte ich mir, ging zu ihm und bat ihn um einige Bücher; er gab mir Krüger's Naturlehre. Bisher bestand meine ganze Lectüre in Luther's Bibel, ein anderes Buch durfte ich nicht sehen lassen, denn meine Mutter war eine sehr gottessürchtige Frau und äußerst orthodox. Ich las über vier Wochen in dem Buche und brachte es dem Magister zurück. Er schlug es auf, ließ mich laut lesen und examinirte mich. Er lachte über meinen Commentar und sagte: „Scharfsinn genug, aber kein Wort von dem, was darin ist." Da seine Eltern die Unvorsichtigkeit begingen, dem sechszehnjährigen Benjamin die Kasse anzuvertrauen, so wurde er verschwenderisch und ausschweifend. Seine Mutter, deren Wohlthätigkeit auffallend merkwürdig war — es vergingen wenige Nächte, daß sie nicht aus dem Bette geholt wurde, um Wöchnerinnen oder Kranken Beistand zu leisten und selten schied sie von Hilfsbedürftigen, ohne ihnen zwei, vier und mehr Friedrichsd'or unter das Kopfkissen zu legen, welchem Glaubensbekenntnisse sie auch angehörten - diese brave Mutter kränkte sich über die Ausschweifung ihres Benjamin und klagte Lessing ihre Noth; sie ersuchte den Magister, ihr ein Mittel anzugeben, um ihn wieder auf einen bessern Weg zu führen. Lessing tröstete sie und sagte: „Hat nichts zu sagen. Er kann Leidenschaften haben, ist aber nicht böse; lassen Sie mich machen." „Eines Tages kam er zu mir", so erzählt Benjamin, „und nachdem er sich ungewöhnlich lange mit mir unterhalten, sagte er: Jeder vernünftige Mensch muß Herr über sich selbst sein. Sie müssen einmal versuchen, ob Sie nicht ganz ohne rauschende Gesellschaft sechs Monate leben können?" „Was soll ich aber mit meiner Zeit anfangen?" „Welche Frage! Lernen Sie Sprachen." Dies war genug, um den jungen Mann zu bestimmen; er lernte englisch und lateinisch. Um diese Zeit hatte er auch das Glück, die Bekanntschaft des unsterblichen Moses Mendelssohn zu machen. Da dieser einen Hang zu Staatswisseuschaften in dem Sohne seines alten Freundes bemerkte, so empfahl er ihm Montesqnieu's Esprit des Lois und David Hume's Diseours poliiiepies. „Ich war sechs Monate äußerst fleißig," erzählt Benjamin, „und da Mendelssohn mir freundlich zuredete, die Mathematik zu erlernen, so nahm ich auf seine Empfehlung bei einem sehr geschickten jüdischen Mathematiker, Namens Swa*,, Unterricht im Euklid und in der Algebra. Daß Mendelssohn Alles über mich vermochte, wird denen nicht auffallend sein, die diesen großen Mann gekannt haben und gar wohl wissen, wie viel Eindruck sein Geist auf jeden andern machte." Im Jahre 1757 trat der junge Benjamin in das Geschäft seines Vaters in Leipzig ein und begab sich mit ihm nach der Schlacht bei Cvllin nach Kopenhagen. Bon da zurückgekehrt, verbrachte er bis zum Jahre 17 61 ein sehr thätiges Leben und zwar meistentheils bei der alliirten Armee. Bald hernach wurde von dem alten Beitel in Am- *> Mendelssohns Schriften V, 674.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.