Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1869)
- Date
- 1869-01-12
- Page
- Seite 37 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zndenthums. Femüeton-Leüage ju Nr. 2. Leipzig, den 12. Januar 1869. Rüben Wunderbar. Nekrolog. «Schluß.) Mit welchem Erstaunen mußte aber von sachkundigen Beurtheilern in seiner Nähe — wo man in ihm den sehr wenig berücksichtigten jüdischen Privatlehrer, später den bescheidenen Elementarlehrer zu sehen gewöhnt war ein Werk begrüßt werden, bei dem jeder Abschnitt eine reiche Fülle von Kenntnissen durchblicken läßt, die selbst gelehrte Fachmänner als Schmuck zieren würde, eine Menge gutbenutzter Hilfsquellen, wie aus einem dürren Felsen hervorgerufen, heran führt, die man mit Recht gewöhnt ist nur bei den auserwählten Jüngern der Hochschulen zu finden, einen Apparat von medicinischem und archäologischem Wissen auseinanderlegt, während der richtigen Auffassung eines einzigen Wortes, eines einzigen Gedankens bei einem Laien oft viele ernste Studien vorangehen müssen, und überhaupt fast durchgängig eine streng wissenschaftliche Disciplin einhält, die man bei Autodidacten selten zu finden gewöhnt ist. Und doch hat er ohne systematische Vorstudien, bloß durch den unüberwindlichen Trieb das begonnene Werk zu vollenden, durch einen unermüdlichen Fleiß, durch eine zähe Ausdauer, an der alle kleinlichen Qualen des Alltagslebens zurückprallen, eine Schrift geliefert, die von gelehrten Fachmännern als eine sehr gediegene anerkannt ist. Während dieser Zeit hat aber auch seine äußere Stellung eine freundlichere Gestalt angenommen. Mit dem Jahre 1848 hat die Eröffnung der s. g. hebräischen Kronsschulen in unserm Vaterlande begonnen. Wunderbar wird» auch als Religionslehrer nach Mitau berufen, wo er bald auch als beeidigter Translateur ver hebr. Sprache für das kurl. Gouvernement angestellt wird und oft auch provisorisch das Rabbinat verwaltet. Alle diese Berufsthätigkeiten, zu denen sich noch häufig andere Gemeinde-Ehrenämter gesellten, haben indessen seiner literar. Thätigkeit keinen Eintrag gethan und er hat, während er an der Fortsetzung seines größeren Werkes arbeitete, mehrere kleinere Schriften herausgegeben, die ihm eine allgemeine Achtung und Anerkennung brachten*). Nicht lange aber war es ihm gegönnt dieses bescheidene und wohlverdiente Glück zu genießen. Seit 1865 haben gewaltige körperliche Leiden, zu denen sich später ein geistiger Druck gesellte, ihn bestürmt, seine Gesundheit unterwühlt, sein Gemüth zu brechen gesucht und seinen Tod herbeigeführt. Nach neunmonatlichen, unsäglichen, aber ruhig und mit einem gläubigen Heldenmuthe ertragenen Schmerzen mußte der linke Arm ihm amputirt werden. Kaum von diesem Uebel hergestellt und mit verjüngter Kraft, mit frischem Muthe, wenn auch mit einem Arm weniger, wieder seine Thätigkeit beginnend, da wurde er von einem heftigen Lungenleiden und von häufigen Luugenblutungen überfallen, und an einem solchen Blutsturze hat er auch am 4. (16.) August Abends an der Seite seiner einzigen Begleiterin durch sein ganzes Leben**), auf einem Spaziergange auf dem Marktplatze sein Leben ausgehaucht. Seine Krankheit hat aber auch den reichen Schatz seines gläubigen Gemisches offenbart, den wir bewundern und hochachten lernten. Seine reine Menschenliebe, sein lebendiges Interesse für die Fortschritte der Wissenschaft, für die Erlebnisse und Geschicke seiner Gemeinde, für die Entwickelung seiner Glaubensgenossen und die Gestaltung ihrer Geschicke ist durch seine ungewöhnlichen Schmerzen nicht in den Hintergrund getreten. Seine Leiden haben sein Herz für die Leiden und die Freuden seiner Nebenmenschen nicht gefühllos gemacht. Was aber allen seinen glänzenden Tugenden die Krone auf- *) So hat er seine Geschichte der Juden in den Provinzen Liv- und Kurland dem wahrhaft hochherzigen und von seltener Humanität beseelten Fürsten Suworofs, d. Z. General-Gouverneur der Ostseeprovinzm, gewidmet, der ihn "einigemal mit eigenhändigen Schreiben beehrte, seine Bibl.-talm. Medicin dem Kaiser vorlegte, worauf er den allerhöchsten Dank und bald darauf auch die silb. Medaille erhielt. 1863, als er nach einem ausländischen Badeorte reiste um seine Gesundheit zu restanriren, erhielt er vom Curator des Dorpat'schen Lehrbezirks den Auftrag die dortigen jüdische» Schuien zu besuchen und ein Gutachten darüber abzugeben, wodurch der Stand der hierländischen Schulen zu heben wäre, um sein Gutachten wurde wohlwollend aufgenommeu. **) Wunderbar hat nie die Freuden eines Baters genossen und ist kinderlos gestorben.