Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1868)
- Date
- 1868-12-01
- Page
- Seite 990 (sequence 20)
- Language
- German
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„O, gewiß! Gott ist allgütig! Er kann auch das größte Leid schnell in Freude verwandeln! Opfere ihm Deinen Haß, und er wird Dein Opfer gnädig annehmen." Jetzt aber ist (weil es Herrn S6jour so gefällt) die Jüdin — wenn auch nicht überzeugt, so doch wenigstens — überwältigt, und sie ruft aus: „Wohlan, es sei! Kann ich mein Kind dadurch retten, so will ich für ewig auf meine Rache verzichten!" — Inzwischen ist es Abend geworden, und aus der Ferne ertönt plötzlich der sanfte Gesang eines choralartigen Liedes. — Die leidende Paula durchzuckt es elektrisch, sie erzittert, horcht auf, erhebt sich und lauscht, — was die Gräfin veranlaßt, der Jüdin zuzuflüstern: „Der Herr nimmt Dein Opfer an!" Alle beobachten gespannt jede Bewegung der Kranken, welcher allmälig eben sichtbar das Bewußtsein wiederkehrt, und deren Lippen endlich die Worte entströmen: „Hört Jchr die Englein? Sie singen ein Loblied! Ihre Töne dringen tief mir in die Seele!" — Der Arzt giebt zu erkennen, daß er zufrieden, und daß nunmehr jede Besorgniß vorüber. — Paula aber fährt fort: „O, es ist ja das Gebet meiner Kindheit!" Und mit diesen Worten läßt sie der Dichter uiederknieen und die Hände zur Andacht falten. Gemea: Erkennst Du mich? Paula: Ja! Du bist meine Mutter! Gemea: Gelobt sei Gott! Sie ist gerettet! Paula: (jetzt auch die Gräfin und Ottavio erkennend» Was ist denn geschehen? Ist es kein Traum, der mich umgiebt? Euch Alle sehe ich vereint? Bianka: Vereint und versöhnt! Gemea: (der Gräfin die Hand reichend) Der Haß ist todt, — die Liebe hat gesiegt! — Und hiermit läßt der Verfasser die Handlung endigen, — läßt er den Vorhang fallen, um nicht wieder in die Höhe zu gehen. — Hat er seinen Zweck erreicht? — Rach seinem Sinne — gewiß! Wollte er ja nur seinen Glauben glorisicireu! wollte er ja nur, wenn wir so sagen dürfen, die Macht des Evangeliums Zeigen, — daß selbige nämlich stark genug sei, um über jede andere Macht, selbst über die „Stimme der Natur" den Sieg davon zu tragen. ~- Für diesen Gedanken ist der Franzose Söjour dermaßen eingenommen, daß er einzig und allein der Kirche das zuschreibt, was lediglich nur auf Rechnung der Erziehung zu schreiben, — daß er vergißt, wie Paula — wenn andere Einflüsse auf sie eingewirkt, andere Lehren ihr Herz gebildet, andere Anschauungen ihren Geist genährt hätten, — sie schließlich auch ganz anders würde gefühlt, gedacht und gehandelt haben.— Recha — um bei dramatischen Figuren zu bleiben — Recha, das geborne Christenmägdlein, wird von Nathan, dem Juden, erzogen, — und das Resultat der Erziehung spricht gerade zu Gunsten des Glaubens, auf dessen Seite S6jour und Consorten Alles, nur nicht Duldung und Versöhnlichkeit, — Alles, nur nicht Liebe und Milde wollen finden lassen. — Zu Sittah spricht Recha (Lessing's „Nathan der Weise" A. 5) „Ich sei Aus christlichem Geblüte? sei getauft? Sei Nathan's Tochter nicht! er nicht mein Vater! — Gott! Gott! Er nicht rüein Vater!" Und vor Saladin auf den Knieen liegend, ihn um Gnade anflehend und von ihm gefragt, was ihr Begehr? antwortet sie: „Nicht mehr, nicht weniger, Als meinen Vater mir zu lassen, und Mich ihm! — Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater Zu sein verlangt, — verlangen kann. Will's auch Nicht wissen. — Aber macht denn nur das Blut Den Vater? Nur das Blut?" Aber auch noch eine andere Recha, das Pflegekind Eleazar's, des jüdischen Juweliers von Constanz, welche Halövy zur Heldin seiner berühmten Oper „Die Jüdin" gemacht — liefert einen Beweis von der Macht der jüdischen Erziehung, die ihr geworden; denn sie will lieber den grausamen Feuertod erleiden, als dem ihr anerzogenen Glauben untreu werden. Sie singt: „O, mein Gott, den ich ehrte, Nimm heut' Dein Kind zurück!" Und als ihr Vater ihr eröffnet: „Vom grausen Tod befrei'n Kann Dich der Taufe Weihn; Sprich, mein Kind, soll es sein?" giebt zur Antwort sie zurück: „Wie? eine Christin werden? ich? Nein! zum Tode will ich geh'n, Denn mein Gott harret mein!" und stürzt sich in die Flammen, die sie verzehren. Doch wir wollen ob dieser gegensätzlichen Erscheinungen mit dem französischen Schauspieldichter nicht rechten, — aber auch nicht darüber, daß er in Gemea, der Jüdin, das Princip des Hasses verkörpert und sie gewisiermaßen als Dämon der Rache hinstellt. Ist ja dieselbe Sünde schon von so sehr vielen andern Schriftstellern begangen worden, und sogar auch von einem Juden, dem Dichter Mosenthal nämlich, dessen „Deborah" mit ihren Wuthausbrüchen und ihren furchtbaren Racheschwüren Jeden zurückschreckt uns schaudern macht, — aber auch zugleich belehrt, daß sie Alles sein mag, — nur keine „Jüdin." — Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr.§. Lotze.