Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-24 · Heft 48 (24.11.1868) · p. Seite 970

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 48 (24.11.1868)
Date
1868-11-24
Page
Seite 970 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226684--26667-3262219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

970 dienst statt, der mit einem von dem ältesten Mitglieds im Vorstchercollegium, Herrn S. I. Hopfenblum, in polnischer Sprache gehaltenen Vortrage schloß, in welchem der Redner, der vieljährige Zeuge und Genoffe der Thätigkeit des Präsidenten, die Verdienste deffelben in beredter Weise schilderte. Ganz besonders wies der Redner auf die Hingebung des Präsidenten während jener grauenvollen Zeit der Choleraepidemien hin, wo derselbe täglich stundenlang im Hospital, ja in unmittelbarer Nähe der Kranken zubrachte, ihre Behandlung überwachend, die schwer Heimgesuchten ermunternd und tröstend und dadurch nicht wenig anregend auf das übrige Beamtenpersonal wirkend, welches durch das Beispiel des Präsidenten zu gleichem Thun ermuthigt wurde. — Es wies der Redner mit Recht auf jene wahrhaft großartige Munificenz der Brüder Josef und Hermann Epstein hin, welche seit dem Auftreten der Cholera in den vierziger Jahren jeden Winter täglich an 300 bis 350 Arme mit warmer, wohlschmeckender und nahrhafter Mittagskost aus eigenen Mitteln versehen; eine Einrichtung, die ursprünglich nur das durch die Noch veranlaßte Umsichgreifen der Epidemie abwehren sollte, die aber seitdem jeden Winter wiederholt wird. — Um 11 Uhr Vormittags ward der Jubilar von dem Vorstehercollegium des Hospitals in seiner Behausung begrüßt und ihm unter Danksagung und Glückwunsch ein gelungenes, photographisches Tableau überreicht, darstellend das Vorstehercollegium mit dessen Präses an der Spitze und das Prachtgebäude des Hospitals selbst. Um 1 Uhr Mittags versammelte sich ein zahlreiches Publikum, die Spitzen der städtischen und anderer Behörden in dem festlich eingerichteten und höchst geschmackvoll decorirten Saale des Hospitals. Namentlich erschienen der Senator General Roznow, Präses sämmtlicher Wohlthätigkeitsanstalten des Ortes, der Stadtpräsident General Witkowski, der wirkliche Staatsrath Medicinalinspector Beker, die Präsidenten der einzelnen Wohlthätigkeitsanstalten in Warschau und andere hervorragende Persönlichkeiten theils als Deputationen, theils um ihrer persönlichen Theilnahme einen Ausdruck zu geben; der Oberrabbiner Meisels, der Vorstand der israelitischen Gemeinde, der Vorstand der früher sogenannten deutsch-israelitischen Synagoge auf der Danielstraße mit ihrem Prediger 0c. Cylkow, das Vorstandscollegium des Hospitals und dessen Beamtenpersonal. Von den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden, die sämmtlich die Verdienste des Jubilars in anerkennender und dankbarer Weise schilderten, nennen wir die des Primärarztes jener Anstalt, des Herrn 0c. Rosenthal; die kurze, aber innige Ansprache des Generals Roznow, die des Sekretairs der jüdischen Gemeinde, die des Stadtpräsidenten im Namen der Bürger der Stadt, und endlich die des Predigers 0c. Cylkow. Gerührt von den so aufrichtigen Zeichen der Dankbarkeit, der Liebe und der Verehrung dankte der Jubilar in einfachen, aber herzlichen Worten den Rednern, sowie der Versammlung mit der Versicherung, der frommen Anstalt seine Kräfte ferner zu weihen. Der trefflichen, musikalischen Leistungen des Obercantors obiger Synagoge, des Herrn I. L. Weiß, sei schließlich yoch gedacht, ver, unter Begleitung eines trefflich geschulten Chors und einer Fisharmonika einige, für diesen Zweck von ihm componirte und mit bekannter Meisterschaft ausgeführte Psalmen vortrug und zur Erhebung der Feier nicht wenig beitrug. Den Schluß bildete die Nationalhymne, welche auf den Wunsch der Anwesenden sogar wiederholt werden mußte! — Kleine Mitteilungen. Am 8. d. fand in Znaim (Mähren) die Hochzeit eines jungen israelitischen Ehepaars statt, die erste Trauung, welche im eigenen Bethause der Israeliten gefeiert wurde; der hier seltenen Feierlichkeit wohnte ein großer Theil der Bewohner bei. Der Vater ist der erste und bisher einzige Glückliche, welcher vor Jahren in den Gemeindeverbano ausgenommen wurde und es gegen alle Proteste und Deputationen der hiesigen Handelsleute durchsetzte, sich in der Stadt als Kaufmann zu einer Zeit festzusetzen, wo die ehrsamen Bürger es liebten, jede Concurrenz zu ersticken, und die Stadtrepräsentanz noch auf das angezweifelte Privilegium, wonach sich kein Israelit in der Stadt niederlassen durfte, mit Stolz pochte. Als Goethe im Jahre 1782 mit dem ersten Plane zu Wilhelm Meister beschäftigt war und er in Berlin verweilte, machte er auch die Bekanntschaft des damals viel genannten jüdischen Banquiers Ephraim, und schreibt am 28. Oktober an die Freundin: „Bald habe ich mm das Bedeutende der Judenheit zusammen, und habe große Lust, in meinem Roman auch einen Juden anzubringen St ahr, dem wir diese Notiz entnehmen (Goethe'sFrauengestalten, H. S. 20) fügt hinzu: „Was er jedoch, wie wir glauben, ohne Schaden für das Werk, unterlassen hat." Wir setzen hinzu: Auch ohne Schaden für die Juden, wenn wir an Goethe, den Frankfurter Patriziersohn und den Weimarischen Geheimrath von 1782 — damals durste im Weimarischen gar kein Jude wohnen — denken. Verlag.:von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Ör* H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.