Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-17 · Heft 47 (17.11.1868) · p. Seite 947

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 47 (17.11.1868)
Date
1868-11-17
Page
Seite 947 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226683--26643-3262194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgcmciur Zeitung -cs Zndenthums. Feuilleton-Seilage;n Nr. 47. Leipzig, den 17. November 1868. Eine Mortarageschi ' te auf der Bühne. Referat von Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. II. Das Drama. < Fortsetzung.) Im Lomeüinischen Palaste herrscht die größte Bestürzung. Gräfin Bianca ist früh am Morgen ausgegangen uud jetzt — der Abend ist längst hereingebrochen — immer noch nicht zurückgekehrt. Wo mag sie hingerathen, was mag ihr widerfahren sein? Diese Frage, die Niemand zu beantworten weiß, macht allen Jnsasien des Schlosses großen Kmmner, den größten und drückendsten aber der jungen Gräfin Paula, welche mit so warmer kindlicher Liebe an ihrer Pflege- (resp. ihrer vermeintlichen rechten) Mutter hängt, daß über deren plötzliches Verschwinden sie Nichts zu trösten, Nichts zu beruhigen vermag. Vergebens bietet die Zofe Theresia alle ihre Zungenfertigkeit auf, um ihrer Herrin die Sache auszureden; umsonst beschwört Ottaviv seine Geliebte mit süßen Worten, ihre Thränen zu trocknen und sich der trüben Gedanken zu entschlagen. Paula hört ebensowenig auf Diesen, als auf Jene, sondern fährt fort zu jammern, zu weinen, verzweiflungsvoll die Hände zu ringen und — ihre Mutter verloren zu geben. — Da erscheint Rutchioni. Was will er? Bringt er etwa Kunde von dem Aufenthalte der Gräfin? — Nichts weniger als das. — Was denn aber ist der Zweck seines nächtlichen Besuches im Palaste? — Der Lazzarone ist gekommen, um Paula —seine geliebte Pathe von Bisagno — davon zu unterrichten, daß sie Feinde habe, und um sie vor den Gefahren zu warnen, die ihr von Seiten Jener drohen. Als er aber hört, daß die Gräfin Bianca vermißt werde, erräth er sofort (ohne es jedoch zu sagen), wo dieselbe wohl sein könnte, und fordert Ottavio auf, mit dem Degen ihm zu folgen. — Beide gehen fort, nachdem Theresia früher schon sich entfernt hatte. — Paula ist jetzt ganz allein. Doch sie bleibt's nicht lange. Gemea erscheint in der Thür, und hier, in den Anblick des Mädchens tief versunken, wie angefesselt stehen bleibend, seufzt sie leise: „Ja, sie ist es! Sie ist meine Tochter!" — Paula hatte Nichts gesehen, Nichts gehört. — Doch plötzlich sich umwendend und die Fremde gewahrend, erschriekt sie zum Entsetzen und schreit, von einer Diebin sich überfallen wähnend, aus allen Kräften um Hilfe. - Bald aber gewinnt sie aus dem Benehmen und den Worten der Jüdin die Ueberzengung, daß sie in ihrer Voraussetzung sich getäuscht habe, und ist beruhigt. — Es enspinnt sich nun zwischen den beiden ein langes Gespräch, in welchem Gemea der aufmerksam zuhörenden Paula mittheilt, daß sie eine geliebte Tochter suche, die ihr in zartester Jugend geraubt worden, und daß sie nunmehr — nach siebzehn langen Jahren der Leiden und Qualen — ein Wesen gefunden, welches ihrem Kinde nuf's Haar ähnlich wäre: — Paula: Wie heißt Eure Tochter? Gemea: Einst hieß sie Noemi. Jetzt führt sie einen andern Namen, den Namen einer Christin. Man hat mich nicht allein getrennt von meinem Kinde, man hat auch einen fremden Glauben zwischen uns gestellt. Paula: Den wahren Glauben! Gemea: So nennt Ihr ihn. Paula: Eure Tochter ist also eine Christin? — Die Kartenlegerin bejaht natürlich diese Frage und fügt hinzu, daß die „Getaufte" in dem Hause und unter dem mütterlichen Schutze einer sehr vornehmen christlichen Dame sich befinde, die sie für ihre eigene Mutter halte und wie eine Mutter liebe, weil sie es nicht anders wisse. — Paul: O, die Unglückliche! Sie steht zwischen einer Mutter, die ihr das Leben gegeben, und einer andern, die es ihr erhalten hat. In dieser Weise wird der Dialog zwischen den beiden Frauen fortgeführt und gar bald auf die Gräfin Bianca v. Lomellini gelenkt, von welcher Paula mit wahrer Begeisterung erzählt, wie warm und wahr sie dieselbe liebe, wie ungemein viel sie ihr verdanke, wie traurig und bestürzt deren räthselhaftes Verschwinden sie mache u. s. w. — Je lebhafter und feuriger aber das Mädchen von seiner „christlichen" Mutter spricht, desto tiefer und tödtlicher natürlich wird das Herz der Jüdin verwundet, welche just verzweifeln will darüber, daß „ihr von all' dieser Liebe gar Nichts übrig geblieben." — E m Vf'.vJ M W' fm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.