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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-10 · Heft 46 (10.11.1868) · p. Seite 921

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 46 (10.11.1868)
Date
1868-11-10
Page
Seite 921 (sequence 11)
Language
German
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gemacht! Das erinnert an die zwei Programmpunkte der „Glaubenswächter": Erhaltung des alten Judenthums und Pflege der ungarischen Sprache. Aber lassen wir den grünen Tisch, man sieht, wie leicht ausgleiten ist auf solch spiegelglatter Fläche, und hat man einmal kaum merklich gestolpert, so fallen sie über den kühnen Eindringling her und schlagen ihn dann vollends zu Boden. Ich verwahre mich übrigens gegen jede Insinuation von tendentiöser Gesinnung, wenn sie sich auch noch so gerechtfertigt hält, und will als das objectivstc Argument eine Thatsache hinftellen, die mit mir Hunderte bezeugen können und die alle Zweifler davon überzeugen wird, daß es sehr faul ist in der Gemeinde Wien. Am ersten Tage des Succoth-Festes hörte die im alten Tempel versammelte Gemeinde eine Festrede, die anlehnend an die einzelnen Theile des Feststraußes, zu ihrem Inhalte die Besprechung jener Tugenden inachte, die das vollendete Bild des jüdischen Volkscharakters ausmachen sollten, und gerade in unserer Zeit am meisten abhanden gekommen seieit. Da war cs vor Allem unter dem Bilde der Frucht vom Baume hadar der Schönheitssinn, über den der Prediger mit seltener Virtuosität sich erging, indem er nachwies, wie sehr dieses theure Gut im Laufe der Zeit sich uns entzogen habe und wie viel noch zu thun sei, bis der Jude den Schönheitssinn wieder in seine Rechte einsetzen werde. Das war die ästhetische Seite des jüd. Mikrokosmos. Es wurde dann die rein ethische behandelt u. z. die Palme als Bild der Geradheit, Rechtlichkeit und Festigkeit, die Bachweide als das der Demuth, die Mhrthe als der Duft der Wohlthätigkeit ii. s. w. Man kann sich leicht vorstellen, daß diese Rede aus dem Innersten des Predigers floß. Wer nur ein wenig die ganze geistige Richtung des Dr. Jellinek kennt, oder etwa nur mit seinen jüngst erschienenen Studien sich bekannt gemacht hat, weiß, daß der Drang nach ästhetischer Formvollendung und die Erfassung des Lebens, der Geschichte und der Religion an der Hand der Gesetze des Schönen ihn geradezu charakterisire. Natürlich, daß er auch das jüdische cultuelle Leben von dem Odem des Schönheitssinnes möchte belebt wissen, da er, wie aus allen seinen Reden ersichtlich ist, von dem richtigen philosophisch begründeten Grundsätze ausgeht, daß das ethische und ästhetische Element in enger innerer Verwandtschaft stehen. — Das Publicum schien dem Redner mit viel Berständniß gefolgt zu sein, man konnte dies an der gehobenen Stimmung desselben merklich wahrnehmen. Begleite mich, lieber Leser, am Beschlußfeste in unsere neue Synagoge in der Leopoldstadt. Du hörst da „Herbstwahrheiten," die aus dem bekannten Schluß- Vers des „Predigers" die Worte zum Texte haben: Sof dabar, welche die triviale Uebersetzung: „was kommt dabei heraus?" sich hier müssen gefallen lassen. Es sind auch da die vier Theile des Feststraußes, die herhalten müssen; sie sind aber heute die Waffen eines wirklichen Straußes. Es wird die materialistische Richtung unseres Zeitlebens angeklagt, es werden einige Beispiele ans der Wirklichkeit beigebracht, aber schließlich — und das ist der Höhepunkt des Ganzen — tönt unser Kriegsgeschrei: „was kommt dabei heraus?" Den Reformbestrebungen unserer Zeit entgegen, dieser „Paradiesäpfelperiode," wo man nicht aufhören will, „Lulab zu schütteln" mit der sog. „Verschönerung des Gottesdienstes." Was aber soll wirklich dabei herauskommen? frager ihr: „Der Mensch soll dabei herauskommen." — Ich glaube, lieber Leser, Du hast den Braten gerochen. Meine Skizzirung ließ es allerdings nicht so sehr hervortreten, aber jeder Zuhörer, der von der ersten Festrede des anderen Predigers wußte, bemerkte sofort, daß er eigentlich mitten im Feuer stehe, und daß Wort für Wort eine Kugel gegen die Werke des Collegen sei. Zinn frage ich Jedermann: sind derartige Zustände inmitten einer Gemeinde haltbar? wohin muß es führen, wenn ein Seelenhirt der Gemeinde seine Heerde nach vorwärts, der andere sie nach rückwärts treibt? heißt das nicht, die Religion an den Pranger stellen, die religiöse Entwicklung untergraben, die Gemeinde demoralisiren?? Es sage nun noch Jemand, ich hätte parteiisch oder gehässig geschrieben! Die Zeit aber, die unser Vorkämpfer der Orthodoxie mit so viel Verachtung behandelt, kann ihm mit Jesaia zurufen: „Kinder habe ich großgezogen und sie hocherhoben, und sie sind mir treulos gewesen." Wäre es denn wirklich menschenmöglich, daß der Mann auf „dem Throne des Rabbineramtes" sitze, und im Gotteshaufe das große Wort führe, ivenn nicht die vier schlanken Mauern des Tempels in die Höhe ragten, wenn nicht die von ihm so geschmähte Ordnung im Gottesdienste herrschte,

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