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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-03 · Heft 45 (3.11.1868) · p. Seite 892

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 45 (3.11.1868)
Date
1868-11-03
Page
Seite 892 (sequence 2)
Language
German
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892 len mit schönem, rednerischem Schwünge (z. B. „der Familiensinn des jüdischen Stammes) abgefaßt. Freilich kann man nicht zugestehen, daß der Verf. das Ziel, welches er sich vorgesteckt, vollständig erreicht habe, nämlich die Charakteristik des jüdischen Stammes auf inductivem Wege, gleich dem Naturforscher, und in ganz objectiver Weise zu construiren. Auf ethnischem und überhaupt physiologischem Gebiete ist es immerhin löblich, nach der inductiven Methode so viel wie möglich Beobachtungen heranzuschaffen. Aber einerseits sind diese doch nur zumeist Aperyus, bei denen es darauf ankommt, ob sie auch richtig sind, und aus denen andererseits Folgerungen zu ziehen, doch ein subjectives Geschäft bleibt. Ebenso ist es für den Juden unmöglich, namentlich noch in unserer Zeit, über den jüdischen Stamm zu handeln, ohne apologetisch zu werden — da ihm immer wieder Vorurtheile und Gehässigkeiten entgegentrete», die er aus dem Wege zu räumen den Beruf hat. Wir lasen die vorliegende Schrift mit außerordentlichem Interesse, und können voraussetzen, daß es jedem Leser so geht. Aber wir hatten doch Veranlassung, viele Fragezeichen bei mancherlei Bemerkungen des Verf. am Rande zu machen, die hier anznführen freilich der Raum gebricht. Erwähnen wir nur einige wenige. Daß der Jude (S. 18) „kurz, gedrängt, straff und stramm in seinen Ausdrücken ist, ihm darf kein Wort, kein Buchstabe überflüssig sein," wird von denen verneint werden, welche dem Juden oft Redseligkeit, orientalischen Redeschmuck zuschreiben und den gewöhnlichen hebräischen Briefstyl beachten. Daß der jüdische Stamm das Alphabet aus der ägyptischen Hieroglyphenschrift geschaffen, ist eine Hypothese, gegen welche Alles spricht. Daß „man an der Literatur des jüdischen Stammes die großen Phasen in dem Gange der Völkergeschichte studieren könne" (S. 26.) ist eine sehr gewagte Behauptung, denn der Zusammenhang der alttestamentlichen Literatur mit der Völkergeschichte des Alterthums ist schwerlich nachzuweisen, und von dem Wiedererwachen der geistigen Cultur in Europa bis Mendelssohn giebt die jüdische Literatur schwerlich ein Abbild der neueren Völkergeschichte. Der Verf. folgert aus Voraussetzungen, daß der Irrsinn unter Juden weniger heimisch sei (S. 34), aber die Statistik hat bekanntlich leider gerade das Gegentheil bewiesen. Daß das Studium der hebräischen Sprache rin treffliches pädagogisches Hilfsmittel sei, um das Denken zu wecken, den Verstand zu schärfen u. s. w. <S. 38) ist uns doch fraglich, gerade weil ihr die feinen Nüancirungen, die Mannigfaltigkeit des Periodenbaues, die Mehrfachheit der Modi «. s. w. fehlen, und der Geist durch die natürliche und einfache Satzbildung nicht angeregt, geweckt und verstandesmäßig gebildet wird. Wenn er dem jüdischen Stamme den Gang zur Mystik abspricht, so geben wir dem Verf. zwar zu, daß der jüdische Stamm sie nicht erzeugte, müffeq dagegen bemerken, daß er sie mit außerordentlicher Energie auffaßte, wie der seiner Zeit sehr ausgedehnte Philonianismus, die Kabbala und der jüngste Chassidismus genügend erweisen. Die Behauptung (S. 46.), daß die moderne Kriegskunst nicht mit Massen operirt, sondern die Selbständigkeit des Einzelnen in Rechnung bringt, und daß dadurch der Jude zur Kriegskunst besonders sich eignet, wird von allen modernen Kriegen widerlegt sein. Doch wir wollen hier mit unseren Bemerkungen abbrechen. Als Resultat stellt sich dem geehrten Verf. im jüdischen Stamme das Vorhandensein zweier Gegensätze, des Universalismus und des Partikularismus, der Objektivität und der Subjectivität heraus, und wir wünschen, daß in einem folgenden Bande der Verf. die Fragen behandle, wie sich dies historisch entwickelt und resultirt habe, was uns nicht allzuschwer scheint, und was psychologisch das eigenthümliche Produkt der Vereinigung dieser Gegensätze in einer Individualität geworden sei, was uns allerdings sehr schwer dünkt. Schließlich können wir dem Verf. für diese Gabe sehr dankbar sein. — MtSditations religieuses par L. Levy-Bing, membre du consistoire israelite de Paris (Paris, Didier & Co. 1868.). Was in der Gegenwart unseren Glaubensgenoffen am meisten Noch chut: das ist die Wärme, der Eifer, die Begeisterung. Diese sind allen Richtungen iin Judenthume wünschenswerth, denn Fanatismus und Verketzerung sind noch durchaus keine Bürgschaften für einen aufrichtigen Enthusiasmus, und die Reformsucht bietet ebensowenig Garantie dafür. Der Verstandesarbeit ist schon genug geschehen, und sie trägt ihren Entwickelungstrieb sattsam in sich selbst, sobald sie einmal tüchtig begonnen hat. Aber gerade die lautere Flamme der edlen Begeisterung, die Gluth, die das Herz erfüllt und aus ihm herausströmt, sie erlöschen allzuleicht vor dem kalten Hauche widerstrebender und kämpfender Interessen, vor dem kühlen Lustznge des Scharffinns und der kritischen Untersuchung. Nur in hohen Geistern weckt das Philosophiren, das Streben nach vernunftgemäßer Ueberzeugung einen neuen, höheren Enthusiasmus, der aller Mystik und allem Dunkel fern ist. Aus diesem

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