Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1868)
- Date
- 1868-10-27
- Page
- Seite 879 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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879 Geboren zu Thalmessingen in Franken, ward er nackgründlicher Universitätsbildung, etwa 1825 in Fürth angestellt. um an einer Rabbinerschule, in lvelche die alte Jeschiba sollte verwandelt werden, zu wirken. Allein dies Projekt zerschlug sich, und seitdem hat er seinen großen erziehlichen Eifer in einer bcscheidenern Sphäre verwerthet. Im Rabbinate substituirle er mit Würde Md Hingebung, lind in all seinem Thun offenbarte sich eine Bescheidenheit, Uneigcnnützigkeit, Herzensgüte, Milde und männliche Geradheit, die ihm die Herzen Aller gewann. Seine große theologische und klassische Belesenheit, sein gründliches Ergreifen einer jeden gestellten Aufgabe würde ihn unter günstigen Verhältnissen und in einer mehr wissenschaftlichen Atmosphäre zu wahrhaft ersprießlicher Thätigkeit geführt haben. Unter seinen Schülern waren Männer wie der verstorbene Dr. Wolf Schlesinger, Rabbiner in Snlzbach und Uebersetzer der „I klar im". Auf literarischem Gebiete hat er sich, wie ich glaube, nur einmal versucht, indem er ein Gebetbuch für häusliche Andacht in recht stilvoller Weise in der Roseufelder'schen Sammlung erscheinen ließ. Das eigentliche Gebiet seiner treuen und gediegenen Natur war die Freundschaft und die mündliche Anregung. Von dem gebildeten Ton und Streben, die in seinem Hause herrschten, und wobei ihn seine vortreffliche, ihm vorangegangene Gattin sinnig unterstützte, mag die gediegene Geistesrichtung mehrer seiner Kinder Knude geben; wie denn sein Sohn Theodor, mein Universitätsfrcund, als ausgezeichneter Ingenieur au der Erbauung der russischen Eisenbahnen einen vorwiegenden An «heil hat. Seiner zahlreichen Familie hat er wohl außer seinem würdigen Andenken keine Güter hinterlassen: möge es ihnen zum Segen werden!" H. Zirndorf. Hamburg, 16. October. «Privatmitth.) Es hilft alles nicht, dem Christenthum ist auf allen seinen Stufen einmal die Intoleranz angeboren, und sic ist nicht heraus zu kriegen, in Berlin wie in Jassy, in Spanien wie in Kiew, in Rom wie in Genf. Man möchte sagen: Toleranz gegen andere Religionen ist nur bei uns Juden zu finden. Wir haben freilich auch eine Schule durchgemacht, wie keine andere Volksabtheilnug. Wir sind es gewohnt, Männer als unsere pronuncirten Feinde zu sehen, die wir sonst als unsere Lehrer, Retter, Dichter, Propheten anerkennen. Friedrich II., Voltaire, Goethe, Schiller, Schleiermacher, Luther, — sie alle haben, und sei es nur durch pathologische Idiosynkrasie, diese Feindseligkeit gegen uns, die sie alle Regeln der Gerechtigkeit und Billigkeit vergessen macht. Ist nun dadurch einer von uns abgehalten worden, die Genannten als seine sonnigen Penaten anzuerkennen? Alan findet es iu vielen Ländern ganz natürlich, daß Juden — etwa als Richter — den Chri fielt Eide abnehmcn, aber hat je ein Jude sich geweigert, sich seinen Eid von einem Christen abuchmen zu lassen? Und diejenigen Lehrbücher, Beckers Weltgeschichte und Pierers Universal-Lexikon mit eingcschlosscn, die nie von Juden reden, ohne eine Partie Geifer und Galle zu entleeren — haben jüdische Schulen je gezögert, sie in Gebrauch zu nehmen? Wenn unsere Kinder uns befragen, was sagen wir da? Ach, sagen wir, das ist so eine Schwäche, die mit der christlichen Religion verknüpft ist, wir nehmen das auch als abschreckendes Beispiel so an und denken nicht daran, cs zu vergelten. Die neue im Selbstverläge der Direktion erschienene Auflage des Tempel-Gebetbuchs unterscheidet sich von ihren Vorgängern äußerlich dadurch, daß sie nach morgenländischer Weise, nämlich von rechts nach links paginirt ist und statt früher die ebräischen, jetzt die deutschen Textstücke verkehrt umgeblättert werden. Im klebrigen hat man es versäumt, die vor 50 Jahren vitalen Fehler wieder gut zu machen und den Preis recht niedrig zu stellen, was doch jede weitere Verbreitung fast gänzlich hemmt. An diesen so wie an noch einigen sonstigen Mißgriffen ist wohl der Umstand schuld, daß die Redaktion zumeist Männern anheim gefallen ist, für welche der Tempel eine ganz junge Neuerung ist, und die daher nicht gehörig berücksichtigen, daß das gegenwärtige Publikum aus Personen bestehr, deren Eltern sogar schon von Kind an keinen andern jüdischen öffentlichen Gottesdienst sammt Lesart, Melodie, Vortragsweise re. kennen als diese. Neue Veränderungen sind hauptsächlich hinsichtlich der deutschen Uebersetzungcn und Originalstücke angebracht, die alle mehr von allgemeiner Tendenz sind als von concret jüdischer. Hierin zeichnet sich insbesondere die deutsche Meditation zur Todtenfeier (deren der Tempel um 2 jährlich bereichert ist» aus, in welcher u. A. ganz genau nach der bekannten Stelle in der Gemara beschrieben wird, wie die Frommen (Unsterblichkeit mit Auswahl!) im Jenseits ihre Zeit verbrin- 44