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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-20 · Heft 43 (20.10.1868) · p. Seite 867

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 43 (20.10.1868)
Date
1868-10-20
Page
Seite 867 (sequence 18)
Language
German
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$( II!i c ui eine FriMeton-Seilage jn t!r. 43. w Nr vv'v v & Leipzig, den 20. Oktober 1868. Eine Mortamgeschlchie auf der Buhne. Referat von Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. I. Das Vorspiel. Unter dem Titel „Die Kartenlegerin" wird jetzt — bald mit größerem, bald mit geringerem Erfolge — auf ton deutschen Bühnen dem Publikum ein Schaustück vorgeführt, welches die Bearbeitung*) — eigentlich Ueberfetz ung — .ist eines französischen Originals, das vor einigen Jahren schon von Victor Söjour geschrieben und dazumal, wie die Zeitungen berichteten, von dem Pariser Volke mit ungeheurem Beifall ausgenommen worden. — Der Verfasser, ton bizarren Geschmack wie den leicht erregbaren Sinn seiner Landsleute genau kennend, hat^die Asfaire Edgar Mortara zum Thema sich gewählt und dasselbe mit Ziemlichem Gesckick zu einem Efsectstück benutzt, das er für gut fand, in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verlegen und in Italien — theils zu Bisagno, theils zu Genua — spielen zu lasten. — Der rothe Faden, der durch die ganze Arbeit sich dahinzieht, ist das haarscharfe Unterscheiden zwischen einem „Gott der Inden" und einem „Gott der Christen" — und zwar insofern, als der Verfasser fortwährend bemüht ist, Er st er n als den „Herrn des Eifers und der Rache", Letz Lern dagegen als den „Vater der Liebe und Milde" erscheinen zu lassen. Den „Christengott" aber über den „Judengott" zu stellen und Diesen durch Jenen besiegt werden zu lassen, — das ist, wenn wir so sagen dürfen, die Tendenz des Stückes. — Herr Söjour hat. seinem Drama — und zwar unter dem Namen-„Der Kindesraub" — auch ein Vorspiel gegeben, dessen Handlung anno 1728 zu Bisagno sich zuträgt und der Art ist, daß wir in ihr die eigeut-, liche Taufgeschichte Mortara's, wie sie zu ihrer Zeit von den meisten Zeitungen berichtet wurde, abeouterfeit sehen. In Bisagno lebt ein jüdisches Ehepaar, das vom Kleinhandel sich nährt und in nichts welliger als gläll- *) Geliefert vonEmil Neumanu und „alsManuscript" gedruckt. zenden Verhältnissen sich befindet. Der Mann nennt n'5 „Gideon Ben Merr", die Frau ist „Gemea" geheißen. Sie haben ein Töchterleiu des zartesten Alters, das von ihnen „NoOmi" genannt worden und, wie ihr einziges Kind, also auch ihr einziger Trost ist, ihre einzige Freude. In Neapel jedoch hat Gemea einen allen — steinreichen, aber kinderlosen — Oheim, von welchem plötzlich die Kunde eingeht, daß er höchst bedenklich erkrankt sei. Kaum hat Gideon dies vernommen, als er beschließt, uugesäulnt an das Tiechbett des Verwandten zu eilen, um sich und seiner Frau die reiche Erbschaft zu sichern. Will er indessen seines Erfolges gewiß sein, so muß Gemea ihn begleiten. Sie thut's, — aber mit schwerem Herzen, da es sie große Ueberwiudnng kostet, von ihrem Kinde sich zu trennen. — Letzteres, noch viel zu zart, um von seinen Eltern mitgenommen werden zu können, wird Seitens derselben einer bewährten christlichen Dienerin, der Annne Martha Salviati, zur Pflege und Wartung anvertraut. Hierauf wird die Reise angetreten, glücklich zurückgelegt und, die Erbschaft anlangend, von den erwünschtesten Resultaten gekrönt. Reich, überaus reich an Geld und Gut, kehren Gideon und Gemea in die Heimath zurück. Doch, hier angelangt, sehen sie, daß sie — trotz ihrer Schatze— höch st arm und elend geworden. Denn ihr größter Schatz ist ihnen geraubt. Noemi ist verschwunden. Sie ist ihren Eltern doppelt verloren gegangen; denn sie ist Ehr ist in geworden und obendrein noch in fremde Hände gekommen. — Wie aber hat sich dies zngetragen? — Wir erfahrenes vor der Eltern Heimkehr schon aus dem Munde derer, denen sie ihr Kind anvertraut hatten. Martha erzähltes umständlich ihrer Freundin Rosa — und zwar mit Worten, in denen wir ant deutlichsten die bekannte Historie von der Noth- und Zwangstaufe Edgar Mortara's abgespiegelt sehen. Sie sagt -- nachdem sie die höchst gefährliche Erkrankung Nomui's und deren hülslosen Zustand geschildert — a'.oödrüetlich, wie folgt: „Da plötzlich zuckte mir ein Gedanke dureb den Kopf. Mir war's, als riefe eine Stimme von oben uüv zu: „„Wenn das Kind eine Christin wird, so ist es gerettet!""—Eiligst ergriff ich ein Muttergottesbild, legte es auf das Herz des Kindes, dessen Augen be-

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