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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-13 · Heft 42 (13.10.1868) · p. Seite 850

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 42 (13.10.1868)
Date
1868-10-13
Page
Seite 850 (sequence 20)
Language
German
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Die zehn Stämme in Rußland. Der berühmte slavische Forscher Duchinsky hielt jüngst im großen Saale des Polytechnikums zu Zürich zwei Vorträge über slavische Sprache und slavische Geschichte. Aus einem Berichte des Professors Kinkel in der Neuen Züricher Zeitung heben wir folgende Stelle hervor: „Am Ende des 15. Jahrhunderts, unter Iwan HI., also nach Vertreibung der Mongolen wurde die Frage gestellt, ob die Moskowiter nicht das Judenthum anerkennen sollten. Mehrere Metropoliten von Moskau waren Juden und arbeiteten für das Judenthum. Hier, wenn irgendwo, seien die verlorenen zehn Stämme der Israeliten, deren Spuren sich durch ganz Turan bis nach China verfolgen lassen. Unter den Chazaren von Astrachan mußte der Großchan ein Jude sein, die Unterthanen konnten sein was sie wollten. Die Chazaren waren sehr politisch, sie hielten am Judenthum, weil damit unter den Nachbarvölkern viel zu machen war. Noch 1240, als die Mongolen vor Woronesch erschienen, riefen ihnen die Leute der Stadt zu: thut uns nichts, wir sind eure Brüder, wir sind Chazaren. Das geschah, nachdem der Staat der Chazaren schon zweihundert Jahre untergegangen war." — Kleine Mittheilungen. Man schreibt dem Pester Lloyd aus Groß-Kikinda vom 29. v. M.: Seit einigen Tagen macht hier ein Vorfall viel von sich sprechen, der sich vorige Woche am ersten israelitischen Neujahrstage zugetragen. Bei einem an diesem Tage stattgefundenen Leichenbegängnisse eines hier angesehenen Mannes geschah es, daß ein junger Mann einem Mädchen von anständiger israelitischer Familie, dem er aus unbekannten Gründen schon seit langer Zeit einen unversiegbaren Groll nachträgt, in einer Weise begegnete, welche alle anwesenden Zeugen empörte. Nicht damit zufrieden, das arme Mädchen auf das ärgste geschmäht zu haben, beleidigte der junge Mann dasselbe auch tharsächlich, indem er dem Mädchen den Fuß vorhielt, so daß die Arme auf die Erde fiel, sich an den Knieen nicht unerheblich verletzte und ihr Kleid vollkommen zerriß. Das Mädchen kam weinend ins elterliche Haus, wo es mit thränenerstickter Stimme seinem Bruder die erlittene Schmach erzählte. Dieser besann sich nicht lange, steckte ein großes, geschweiftes Messer (Lederschneidemesser) zu sich und suchte den jungen Mann in dessen Wohnung auf, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Es entspann sich ein Wortwechsel, der immer heftiger wurde und damit endete, daß der Vertheidiger seiner Schwester das Messer zog und es dem Beleidiger so unglückselig in die Brust stieß, daß dieser sofort to zusammensank. Der Mörder wurde verhaftet. DK Untersuchung hat bereits begonnen. Die Annalen von Skalitz (Böhmen) wurden jüngstens um ein Blatt seltener Toleranz bereichert; wir können nicht umhin, den Inhalt desselben mitzutheilen. Daselbst sollte ein Sokol-Verein ins Leben gerufen werden, und zu diesem Zwecke wurden Einladungen zum Beitritt an sämmtliche Gemeinde-Mitglieder ohne Unterschied der Confession versendet. Nun traten wirklich auch einige Israeliten in den Verein, waren aber nicht wenig überrascht, als ihnen die Mittheilung gemacht wurde, daß man in der ersten Sitzung des neucreirten Vereines den Beschluß gefaßt habe, die in den Verein eingetretenen Israeliten auszuschließen. Ob die erlegten Beiträge retournirt wurden, wollen wir delicat dahingestellt sein lassen. Noch sollten die so arg heimgesuchten und mit der Verachtung des Skalitzer Sokol-Vereines gestraften Kinder Israels eine ärgere Demüthigung erleben, indem nämlich zu der von der hoffnungsvollen Skalitzer Jugend arrangirten Tanzunterhaltung und veranstalteten Beseda die jüdischen Bewohner uneingeladen blieben, und um sie dies recht empfinden zu lassen, hatte man sogar sonderbarerweise die Mitglieder des auf Anregung des Fürsten v. Lippe-Schaumburg unlängst gegründeten deutschen Lesevereins geladen. In dem freundlichen Städtchen Brühl (bei Bonn), das sich, wie bekannt, durch seine in gesundheitlicher Beziehung ungemein günstige Lage auszeichnet, ist am 26. v. M. ein Israelit im seltenen Alter von 103 Jahren gestorben. Dieser Patriarch erblickte das Licht der Welt am 22. März 1765 in einem Eifelorte, verbrachte die letztere Zeit seines Lebens zu Brühl und war bis zum verflossenen Jahre noch rüstig genug, um in aller Behaglichkeit seine Pfeife zu rauchen. Anekdote. Ein alter Melamed (Kinderlehrer) in einem entlegenen polnischen Städtchen antwortete einst einem Ausländer auf die Frage, wie er das Gewissen habe, Kinder zu unterrichten, da er doch selbst nichts wisse? „Mein Herr! vierzig Jahre bin ich Melamed, nun — ein Brunnen schöpft sich auch aus!"- Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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