Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1868)
- Date
- 1868-09-22
- Page
- Seite 774 (sequence 4)
- Language
- German
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Bundes" vor. (2 Kön. 23, 1—3.) Als nach der Rückkehr aus Babel die Mauern Jerusalems wieder gebaut waren, versammelte Esra das ganze Volk am 1. Tage des siebenten Monats auf dem Platze vor dem Wasserthore, stand auf einem Gerüste von Holz und las dem Volke „das Buch der Lehre" vor. (Nehem. 8, 1 ff.) Von dieser Zeit an wurde das Vorlesen aus der Thorah, nicht mehr alle sieben Jahre oder bei außerordentlichen Gelegenheiten, sondern allezeit zum gesetzlichen Brauche, denn die Hinzufügung von Prophetenstücken als Haftarah reicht schon in die makkabäische Zeit hinein, und Josephus gedenkt der Sabbathvorlesungen aus der Thorah bereits als einer alten Sitte. (Joseph. Gegen Apion II, 17, s. Bibliothek der gr. und röm. Schriftsteller i Instituts- Übersetzung) Bd. II S. 172.) Jndeß war die Ordnung, nach welcher die Thorah vorgelesen wurde, noch eine ganz unbestimmte. Daß sie in Palästina in einem dreijährigen Cyclus vollendet ward, erhellt aus der bekannten Stelle Megilla 29,2; Einige glauben, daß es eigentlich drei einhalb Jahre waren, so daß die Thorah in dem Cyklus von sieben Jahren zweimal ganz vollendet wurde; wie denn für den ersteren die 153 Sedarim, in welche die Masorah die Thora zerlegt, für den letzteren Zeitraum die 175 Paraschas sprechen, welche im jerusalemischen Talmud erwähnt werden. Spricht doch der jerusalemische Talmud Megilla cap. 3 von der Beendigung des 5. B. Mos. an einem, auf einen Sabbath fallenden Neumondstage, während in der babylonischen Megilla die jetzt übliche Ordnung bereits als feststehend erscheint*). Nach dieser ist die Thorah in 54 Sidras abgetheilt, von denen an jedem Sabbath eine und in den Nicht-Schaltjahren bisweilen zwei vorgelesen werden. Wir brauchen nun nicht erst die jüngste Zeit anzurufen, wir können getrost in die ältere zurückkehren, um zu finden, daß diese Vorlesung einer oder gar zwei Sidras, verbunden mit dem Aufrufen von sieben, mit dem Maftir acht, Personen und deren Segensprüchen und den mehr oder weniger ausgedehnten Ui-tlmberaoll'Z viel zu lang ist, um zweckentsprechend zu sein, noch dazu, da gerade die längsten Sidras zur Winterszeit verlesen werden. So hochheilig die Thorah zu aller Zeit gehalten wurde, so gewissenhaft man es mit der Correctheit des Sefer-Thorah und mit der Cvrrectheit des Vorlesens nahm: so war doch die Zeit des Vorlesens selbst *) Vgl. Zunz, Gottesdienstliche Vorträge S. 3. die der größten Andachtslosigkeit in der Masse, des meisten Hinaus- und Hineinlaufens, des ungenirtesten Geschwätzes, besonders des ganzen weiblichen Theiles der Anwesenden. Die Geister blieben eben unbeschäftigt dabei, und es waren stets nur die geringe Zahl derer, welche ans dem Gesetze ein Lebensstudium machten, die der Vorlesung folgten, obschon auch diese, mit dem Inhalte so genau vertraut, nicht geradezu davon ergriffen sein konnten. So wird denn auch die Vorlesung aus der Thorah der erste Gegenstand bei der Verbesserung des Gottesdienstes sein müssen, und wir sind genöthigt, zu dem alten palästinensischen Gebrauch zurückzukehren, die Vorlesung der ganzen Thorah auf drei Jahre zu vertheilen, sowohl um diese Vorlesung wieder dem Volke zu einem Gegenstände der Heiligung und Heilighaltung zu machen, als auch um dem Gottesdienste nicht jene Länge zu lassen, welche wir als die wesentlichste Ursache des Verfalls des jüdischen Gottesdienstes erkannt haben. Denn, um diese Länge etwas zu vermindern, nahm man seine Zuflucht zu dem Auskunftsmittel, sie durch schnelles Herlesen zu verkürzen, so daß alle Würde verloren ging und der Mindergeübte beim besten Willen den Sinn des Vorgelesenen nicht zu fassen vermochte. Das heilige Wort der Thorah muß langsam und mit Würde, jedes Wort allen Zuhörern verständlich, gelesen werden. Dies ist aber bei der jetzigen Ordnung unmöglich, und es ist daher unsere volle Ueberzeugung, daß jede Verbessernng des Gottesdienstes ohne Annahme des dreijährigen Cyklus nur sehr theilweise ihrem Zwecke entspricht. Man hat in vielen Synagogen das Aus- und Einheben der Thorahrolleu mit großer Erhebung umgeben, mit feierlichen Gesängen und Ceremonien, gewiß mit Recht, und verfehlen diese Momente ihres tiefen Eindruckes nicht. Aber desto mehr sticht dann die Hauptsache, die lange und gewöhnlich schnelle Vorlesung selbst davon ab, und läßt den Geist in eine Ermattung und Abspannung zurückfallen, welche der Würde und dem Zwecke des Gegenstandes völlig widerspricht. In einigen Gemeinden hat man die Einrichtung getroffen, daß man die ersten Abschnitte der Sidra am Sabbathvormittage, die anderen am Sabbathnachmittag und am Montag und Donnerstag vorliest. Hiergegen müssen wir uns entschieden erklären, denn bei der geringen Zahl von Besuchern des Gottesdienstes zu den gedachten Zeiten heißt dies nichts anderes, als zwei Drittel der Thorah dein Publikum gänzlich entziehen, sie so gut wie gar nicht zur Vorlesung