Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1868)
- Date
- 1868-09-15
- Page
- Seite 758 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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land, als das von Juden zweitmeistbevölkerte Land des österr. Kaiserstaates, wo gegenwärtig jüdischerseits so viel polemisirt, agitirt und journalisirt wird, wir meinen auf Ungarn, richten. Wir machen kein Hehl daraus, daß wir oft im Innern unsere ungarischen Glaubensbrüder beneideten wegen der großen Anstrengungen, die von beiden Parteien gemacht werden. Thätigkeit ist Leben, dachten wir, und es sei mit Gewißheit zu hoffen, daß nach überstandener Gährung aus diesem Prozesse geläuterte, klare Zustände hervorgehen werden, da doch die Parteien in der Hauptsache einig, nur über die Mittel, die zum Ziele führen sollen, nach der Verschiedenheit der Gesichtspunkte verschiedener Meinung sind. Gab doch der Wortführer der Conferenz-Minorität in seiner Abschiedsrede am 3. März dem Cultusminister v. Eötvös officiell die Versicherung: „Wir sind Freunde des Beisammenbleibens; aus der Tiefe unserer Herzen wünschen wir die Einigkeit!" Kann es loyalere Gegner, versöhnlichere, friedliebendere Orthodoxe geben? Leider sollten wir enttäuscht werden und zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Schwarzen — ob beschnittene oder unbeschnittene — überall und zu jeder Zeit dieselben sind und bleiben, und jener schwarz - gallige Denker hatte doch so ganz Unrecht nicht, wenn er in seinem dreibändigen Werke über „das Papstthum und die Päpste" die Lebensbeschreibung Bonifacius VIII. mit folgendem Epigramme schließt: „Die Welt hat es erfahren, Daß einst der Glaub' in Priesterhand Mehr Böses that in tausend Jahren, Als in sechstausend der Verstand." Der Zufall führte uns neulich in die israelitische Gemeindekanzlei eines benachbarten Ortes, als gerade der Briefträger u. A. eine mit Adreßschleife versehene Druckschrift auf den Schreibtisch niederlegte. Der Vorsteher entfaltete dieselbe; es war die mit hebr. Quadratbuchstaben in populärer, reindeutscher Sprache gedruckte Probenummer eines Wochenblattes mit dem Titel: „Jüdische Volkszeuuug, Wochenschrift für das orthodoxe Judenthum," datirt: Kaschau, 25. Juni 1868. Die erste Seite enthielt das Programm, in welchem die Redaktion u. A. erklärt: „Wir wollen die Religion, wie wir von unfern Eltern sie erhalten, auf unsere Nachkommen vererben; wollen durch unser Blatt die Neuerer und angeblichen Vcröesserer auf religiösem Gebiete zum Schweigen bringen . . .; wir wollen aber auch Fortschritt und Bildung; wollen gute Schulen, in welchen Geist und Herz unserer Kinder im Sinne unserer heiligen Religion herangebildet wird, und dem Staate tüchtige, patriotische Bürger erziehen. Wir wollen mit einem Worte die Grundsätze des Schomre-Hadath-Vereins — zu dess en Ehrenrath wir ernannt sind durch Wort.und That verbreitet wissen." — Dieses Programm machte ans uns einen sehr günstigen Eindruck, und sah man es auch dem Vorsteher am Gesichte an, daß er nicht abgeneigt wäre, das Blatt zu bestellen. Da fiel aus der entfalteten Probenummer ein Octavblättchen auf die Erde, es war dies ein jüdisch geschriebenes achtzehnzeiliges Briefchen mit der Unterschrift: 7121-' n"in a“in V'nNNb p pn« p"n n"”- ■»ibns* p"pi u"n n"38 o^n im1“ -nli. Verblüfft schauten wir einander an, und mochte sich dem ehrlichen Vorsteher gleich mir die unausgesprochene Frage auf die Lippen drängen: „Also diese Leute, die, um fünf Neukreuzer an Briefporto zu ersparen, sich nicht scheuen, durch Einschmuggelung geschriebener Briefchen unter dem Deckmantel von Druckschriften eine Uebertretung von Post- und Gefällsgcsetzen zu begehen; diese Leute geben vor, tüchtige, patriotische Bürger erziehen zu wollen? Wenn das am grünen Tische eines Redakteurs und Ehrenrathes des Vereins der Gesetzes-Wächter geschieht, wie muß erst der Patriotismus bei den willenlosen intellektuell unzurechnungsfähigen Helfern und Helfershelfern und allen übrigen frommen Creaturen dieses „gesetzwächterlichen Vereins" beschaffen sein?" und es stieg uns die Schamröthe in die Wangen, als der Vorsteher, erregt von sittlicher Entrüstung, sich nicht enthalten konnte auszurufen: „Ei! von unfern Chassidim ließe ich mir so was gefallen, dafür sind sie Chassidim, aber ein ungarischer Deutscher,*) ein Redakteur, der die Religion erhalten, Fortschritt und Bildung, gute Geist und Herz bildende Schulen will, soll den Lesern seiner Zeitung ein solches Beispiel der Ungesetzlichkeit geben, das ist abscheulich!" — Der gute Mann warf Probenummer sammt Schmuggelobject unwillig auf den Tisch und ließ es geschehen, daß wir diese Proben gesetzeswächterlicher Vaterlandsliebe als corpus delicti in die Tasche steck- *) „Deutscher" heißt bei den poln. Juden jeder nicht poln.-jüdisch gekleidete Jude.