Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1868)
- Date
- 1868-08-25
- Page
- Seite 692 (sequence 2)
- Language
- German
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Wissenschaft und Religion in Berathung zu ziehen sich berufen und verpflichtet fühlen. Aber auch als Rabbiner der Gegenwart! So sehr jedes hierarchische Bestreben uns ferne liegt, so wenig ist es aber unsere Absicht, der Irreligiosität Vorschuß zu leisten oder gar der Religionslosigkeit einen religiösen Anstrich zu geben. Als Lehrer der Gemeinde haben wir auch die Pflicht, die Lehre zu vertreten, und als Lehrer der Gemeinden darf uns der Zwiespalt zwischen Leben und Lehre nicht gleichgültig sein." Ferner: „Sollte man das Judenth. für so vollkommen ansehen, daß zu seiner Förderung nichts zu geschehen braucht? Auf unserem Planeten ist nichts vollkommen! Oder sollte man das Judenthum sich schon so verfallen denken, daß für dessen Erhaltung nichts mehr geschehen kann? Meine Herren! wir und mit uns Tausende und Abertausende leben der frohen und beglückenden Ueberzeugung, daß unser Judenthum einen unvergänglichen, ewigen Gehalt in sich trägt." Er zeigte, daß die größten Schwierigkeiten von den beiden Gegensätzen, dem Jndifferentismus und dem Stabilismus bereitet würden, die sich noch dazu oft genug die Hände reichen, wo es gelte, jede lebensvolle Bewegung im Judenthume zu ersticken. Er gebrauche hierbei nicht das Wort Orthodoxie, Rechtglänbigkeit, weil jeder denkende Mensch diese für sich selbst in Anspruch nehmen werde, und schloß mit einem sehr innigen Gebete, zu welchem sich die ganze Versammlung erhob. Hierauf redete Philippson als Veranlasser der Versammlung dieselbe an. Er gedachte, wie er vor 24 Jahren in ganz gleicher Weise vor einer Versammlung von Collegen stand, deren Zusammentritt er herbeigeführt; er gedachte der seitdem Hingeschiedenen Theilnehmer jener früheren Versammlungen und wie in den zwei Jahrzehenden diejenigen, welche jenen Versammlungen beigewohnt, sowie alle welche hier gegenwärtig sind, gleich der Zeit selbst an dem stetigen Faden der Entwickelung dieselben geblieben und doch anders geworden, dieselben in Charakter, in ihren wesentlichen Anschauungen und in ihrem Eifer für die Sache der Religion und Humani tät, aber reicher an Erfahrung, nüchterner an Hoffnung und Erwartung, einsichtsvoller in das was das Leben bietet und fordert. „Was wollen wir? rief er aus, Wir wollen die Gotteslehre, die wir von den Jahrtausenden erhalten haben, wo sie zum Ausdruck und zur Erscheinung kommt, immer geklärter und geläuterter, immer mehr mit dem Geiste der fortschreitenden Zeit übereinstimmend, immer mehr die Geister ergreifend, die Herzen erfüllend machen, und daß sie also vor den Augen und dem Bewußtsein ihrer Bekenner und aller Anderen, auch ihrer Gegner, erscheinen möge!" Dazu, meinte er, sei nothweudig, daß Jedermann in dieser Versammlung seine innerste Ueberzeugung ohne irgend eine Berücksichtigung nach Außen oder auf augenblicklichen Erfolg ausspreche, und daß die Versammlung sich nicht ln unfruchtbare Prinzipiencrörterung versenke, sondern dahin strebe, etwas Konkretes, eine sicht- und greifbare Schöpfung hervorzubringen. „Es giebt, sagte er, Leute, welche sich Konservative, das ist Erhaltende, und Alle, die nicht mit ihnen sind, Destruktive, das ist Zerstörende nennen. Wenn aber irgend wer ein Fahrzeug hat, darauf seine Väter und Ahnen seit Jahrhunderten sicher über den Ocean gefahren, allen Unwettern und Stürinen trotzten, vor Rissen und Klippen vorüber gelangten, aber in der Länge der Zeit wurde dem Ruder ein Theil abgebrochen, das Takelwerk zerschlissen, Planken haben sich losgemacht von den Seiten, im Kiele wurden Balken wurmstichig und leck, wer sind da die Konservativen und wer die Destruktiven? Diejenigen, welche ausrufen: Dieses Schiff ist unantastbar, keine ausbessernde Hand darf angelegt werden, also muß es verbleiben, auch wenn es im nächsten Sturme Gefahr läuft, zu zerbersten und in die Tiefe zu sinken — oder diejenigen, welche alle Kraft und Thätigkeit daran setzen, das Ruder wieder herzustellen, das Takelwerk zu ergänzen, die Planken wieder zu befestigen und neue Balken in den Kiel zu fügen, damit wir und unsere Kinder und Enkel auf diesem selben Schiffe wieder Jahrhunderte über den Ocean der Menschheit zu fahren vermögen, während ringsum so Vieles versinkt und untergeht? Wer sind da die*wirklich Zerstörenden und Erhaltenden?" Er schloß mit dem Hinweis, daß die Autorität der Versammlung eben in der Vereinigung der Einzelnen liegt, daß aber eben darum der Geist der Vereinigung, der Verständigung, der Gemeinsamkeit, des Friedens in ihr walten müsse. Nach einigen Mittheilungen, besonders auch über Zuschriften und Adressen von Gemeinden und Privaten, schlug Philippson vor, nach dem Beispiele der früheren Versammlungen durch Acclamation den Ortsrabbiner zum Vorsitzenden zu wählen, was sofort angenommen wurde. Dann wurden ebenfalls durch Acclamation Philippson zum zweiten und Aub zum dritten Vorsitzenden j gewählt. Die Verhandlungen begannen und zeigte