Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1868)
- Date
- 1868-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Allgem eine jFcntllcfoiMßcUitfje zu Hi\ 32. Leipzig, beit 4. August 1868. Die Berttsteirtküste. (Novelle.) 1. ' Da steht er, aufrecht in seinem Salon, in der Mitte dieses Salons, mit der untersetzten, schmächtigen Figur, dem etwas gelben, durch hochrothe Flecken, eme Adlernase und die dunklen, scharfen und doch ruhigen Auge ntarkirten Gefixte. Dennoch weiß er der kleinen Gestalt eine impouirende Würde zu geben und über dieselbe ein aristokratisches Air auszugießen, das jede Annäherung erschwert. In einiger Entfernung von ihm steht eine lange, hagere Gestalt, deren Antlitz, von einem ergrauten Lollbart umrahmt, und zu beiden Seiten mit länglichen, grauen Locken geziert, in seinen tief eingegrabenen Zügen einen harten, aber wohlbestandenen Lebenskampf und jene Besonnenheit und Entschlossenheit zugleich verr'äth, welche den Siegerpreis eines solchen Kampfes bilden. Dennoch bezeugt die Stellung dieser beiden Männer zi: Einander, daß der zweite die Verlangen und Bitten vorträgt, die der erstere zu gewähren oder zu versagen hätte. Die Bauart des Salons läßt viel zu wünschen übrig. Er war eben in einem Hause hergerichtet, wie ein solches damals eine kleine deutsche Stadt am Ostseestrande zu bieten vermochte, und das von seinem Baumeister nicht bestimmt war, einen Salon in sich aufzunehmen, das.Gemach war nicht groß, die Fenster nicht regelmäßig in der Mitte der Wand, dafür aber war das Zimmer niedrig und ein großer Balken lief quer über dasselbe. Für den kleinen Mann war dies nicht.unpassend, denn in einem hochgewölbten Saale hätte er sich ganz und gar verloren. Dem Langen hingegen war es nothwendig, den Kopf nicht atlzuhoch zu tragen, uni ihn bei Gelegenheit nicht mit dem Balken in harte Berührung zu bringen. Dafür waren die Meubles, Spiegel, V> '.hänge und Teppiche desto prächtiger, und in diesem Städtchen sicher so noch niemals gesehen worden. |3ti damaliger Zeit ging der Geschmack auf das Massive, »Körnige und Reiche, und so sah Alles hier als zufällig Ihereingebracht und wie zu kurzer Aufbewahrung hinge- ^stellt aus. Doch hören wir lieber, was die Beiden mit einander zu verhandeln hatten. „Sie sind also Herr Hirsch, oder besser Rabbi Hirsch," sagte der Kleine, „denn so betiteln sich ja wohl hier zu Lanre alle Männer?" sprach's, und um die feinen, etwas zusammengekniffenen Lippen spielte ein etwas höhnisches Lächeln. Den Andern mochten diese Worte nicht ganz angenehm berührt haben. Er warf einen schnellen Bl-.ck ans den blitzenden schwarzen Augen auf seinen Widerpart und erwiderte: „Gerade so, wie die Herren in Ihrem Laude sich gern Senor betiteln lassen." Jener warf den Kopf etwas zurück und sagte, indem -er die Hand pathetisch bewegte: „Das ist doch etwas Anderes, es macht bei uns Niemand auf diesen Titel Anspruch, der ihn nicht besitzt. Niein Großvater besaß noch das Recht, sich einen Grand von Spanien zu neunen. Aber er vermochte es nicht mehr zu ertragen, eine Religion zum Scheine zu bekennen, deren Glaubenslehren er nicht theilte; erwanderte unter zahllosen Erfahren nach Holland aus. Auf den Glauben hat er verzichtet, das Anrecht auf seinen Rang hat er bewahrt; das verbleibt seinen Nachkommen auf immer." „Ich bestreite Ihnen dies gar nicht und werde Ihnen gern zukemmen lassen, was Ihnen gebührt. Also, Senor, ich bitte Tie, auf das zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe." „Ent, lassen Sie hören." Senor Jsaac de Mendes schlug die Arme über die Brust zusammen. Er lud den Rabbi Hirsch mit keiner Geberde zum Sitzen ein und setzte sich auch selbst nicht. Man sab, er wollte erst wissen, mit wem er zu thun habe, bevor er sich zu größeren Vertraulichkeiten herabließe. „Allerdings habe ich Ihnen," hob Hirsch an, „zwei Angelegenheiten vorzutragen, die mit einander nichts zu thun haben. ' Komme ich zur ersten. In diesem Städtchen wohnen jetzt vier jüdische Fautilien mit sieben Männern. Sie wohnen schon lange hier,, bald waren cs sechs, bald waren es acht; aber sie konnteu es niemals bis zit zehn.Männern und darüber bringen, um Minjan zu haben.' Dies lastet schwer auf uns, denn lus zum nächsten Orte ist es sehr weit und nur etliche von unS sind im Stande, zur Jahreszeit oder zu Festen dorthin zu wandern. Da Sie. nun, Senor Mendes, mit noch zwei Dienern hierhergekommeu, so ergeht unsere Bitte,