Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1868)
- Date
- 1868-07-07
- Page
- Seite 552 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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552 die Sonne als falsch erklärt werde. Was das Erstere, das Wunder, betrifft, so haben wir hier garnicht darüber zu verhandeln. Denn es bliebe ein ganz gleiches Wunder, wenn sich Josua auch anders ausgedrückt hätte. Das ist Sache des Glaubens, über den hier nicht weiter zu streiten ist. Dagegen müssen wir sagen, daß uns die ganze Erscheinung, auf Grund des Ausdruckes Josua's mit dem Kopernikanischen System zu streiten, eine der lächerlichsten, und durch die dadurch der Bibel gegebene Stellung, eine der unsinnigsten erscheint. Wir fragen einfach: wie hätte sich denn Josua anders ausdrückeu sollen? Setzen wir den Fall, Josua wäre der eifrigste Anfänger der Kopernikanischen Lehre gewesen, hätte er sich dann doch irgend anders ausdrücken können, als wie er es gethan? Es heißt an der gedachten Stelle: „Damals redete Josua vor den AugenJsraels: Sonne, in Gibeon stehe still!" Sollte er etwa „vor den Augen des Volkes" sagen: Erde, in Gibeon stehe still? Was würde das Volk von ihm gehalten haben, das die Erde doch immer still stehen sieht? Aber nicht dies allein. Wir, die wir wissen, daß die Erde sich um die Sonne bewegt, sagen wir etwa nicht: die Sonne geht auf, die Sonne ist schon hoch heraufgestiegen, die Sonne geht unter? Und treten wir hiermit etwa als Gegner des Kopernikanischen Systems auf? Ja, hören wir Männer der Wissenschaft sprechen, stehen diese etwa an, sich ebenso auszudrücken? Oder sagen diese etwa, statt, daß die Sonne aufgegangen: die Erde hat sich so weit um sich selbst bewegt, daß wir von unserem Standpunkt aus schon die Sonne sehen? oder statt, die Sonne geht unter: die Erde hat sich so weit um sich selbst gedreht, daß wir von unserem Standpunkte aus die Sonne bald nicht mehr sehen werden? Diese Männer der Wiffenschaft würden sich durch solche Ausdrucksweise einfach lächerlich machen. Die Sprache richtet sich nach der Anschauung. Wir sehen die Sonne aufgehen, über die Erde hinwegziehen und untergehen, und hiernach drückt sich jeder vernünftige Mensch aus. Ist die Wissenschaft durch ihre Combinationen zu einer anderen Ansicht, ja zu einer anderen Ueberzeugung gekommen, so verbreitet sie diese durch alle Mittel des Unterrichts und der Lehre, tritt aber in keiner Weise mit der Sprache in einen Kamps, um diese durchaus zu zwingen, ihre Ausdrucksweise nach Maßgabe der neuen wiffenschaftlichen Doktrin, durchaus und völlig umzugestalten, und nicht im Entferntesten wird die Wissenschaft in der seit uralter Zeit üblichen Ausdrucksweise eine Verleugnung ihrer selbst und den Ausdruck der Gegnerschaft finden. Schlagen wir irgend welches Buch seit der Allgemeinherrschaft des Kopernikanischen Systems bis zu dem jüngsten Erzeuguiß der Literatur, sei e8 prosaisch oder metrisch, auf, wir werden dieselbe Ausdrucksweise, wie sie hier von der heiligen Schrift gebraucht wird, finden, und es wird Niemandem einfallen, zu behaupten, daß der Autor damit das Kopernikanische System habe leugnen wollen. Und nun will man der heiligen Schrift imputiren, sie habe dadurch, daß Josua in der üblichen und allein verständlichen Weise gesprochen habe, für alle Zeiten die Bewegung der Erde um die Sonne geleugnet und sei einem Systeme entgegengetreten, das fast drei Jahrtausende später an's Licht kommen würde? Das ist kein Glaube, das kein Buchstabenglaube, sondern eine Gewaltthat und zwar der lächerlichsten Art. Warum halten sich diese Herren gerade an diese Stelle der Schrift? Warum nicht an alle die unzähligen anderen, wo vom Ausgang und Untergang der Sonne die Rede ist? Wenn es in Psalm 19 heißt (V. 6.) „Der Sonneuball geht wie ein Bräutigam aus der Kammer hervor, frohlockt wie ein Held, zu laufen die Bahn, vom Ende des Himmels geht er auf und schwingt bis zum Ende sich um" — warum finden sie nicht auch hier eiüe noch weit offenbarere Leugnung des Kopernikanischen Systems? Aber noch mehr. Josua sagt: Sonne, in Gibeon stehe still, und Mond im Thale Ajalon! Er sagt also ganz dasselbe vom Monde wie von der Sonne, vom Monde, der auch 'nach der Wiffenschaft sich bewegt, wie von der Sonne, die nach der Wissenschaft sich nicht bewegt. Kann er also mit der einen Hälfte was anderes gemeint haben, als mit der anderen, nämlich einfach seinen Wunsch, daß die Tageszeit nicht vorrücke? Doch es ist genug. Es war eine traurige Verirrung der christlichen Kirchenlehrer, dem Ausdrucke des Buches Josua eine solche Absicht und einen solchen Inhalt zu insinuiren; die ersten, die dies, als das System ausgesprochen worden, thaten, hatten ihr Motiv darin, daß sie der Anerkennung dieses Systems wie jeder neuen Ansicht sich widersetzen wollten. Wer die es jetzt noch thun, haben nicht einmal diese Entschuldigung für sich, nachdem diese Lehre auch schon ihre Jahrhunderte auf dem Rücken hat. Sie sind nur blinde Nachtreter, denen es um die Zerstörung der Wissenschaft überhaupt zu thun ist, ohne zu berücksichtigen, welche Gewalt sie der Bibel und welchen Schaden sie ihrer eigenen Kirche dadurch verursachen.