Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1868)
- Date
- 1868-06-16
- Page
- Seite 510 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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510 Herr Löon Livschitz, der zweitausend Rubel, und der um die hiesige Gemeinde vielfach verdiente Banquier, Herr Commerzienrath Leon Ephrussi, welcher tausend Rubel spendete, denen sich die übrigen wohlhabenden Mitglieder der Gemeinde anschlossen, die ebenfalls bedeutende Summen zeichneten. Bevor wir die junge Anstalt mit den besten Wünschen für das Wohlergehen derselben verließen, freuete es uns, aus dem Munde eines Gönners des Waisenhauses die frohe Kunde zu vernehmen, daß ein christlicher Mitbürger, der unbekannt sein will, und der der Feier beiwohnte, demselben 25V Rubel zugedacht hat. Die That spricht für sich selbst und bedarf keines Commentars. Der vor Kurzem gewählte Bürgermeister, Se. Exellenz, wirklicher Staatsrath Nowoffelsky, der bei der Einweihung zugegen war, besichtigte die Räume des Waisenhauses, sah der Bertheilung des Mittags an die Waisen zu, dankte der Gemeinde in herzlichen Worten für ihre Opferfähigkeit und versprach, diese Anstalt in Allem, was in seiner Macht liege, zu unterstützen. — Wir schätzen uns glücklich, daß es uns beschieden ist, stets nur Erfreuliches aus dem hiesigen Gemeindeleben zu berichten, und wünschen von ganzem Herzen, daß dieses auch immer der Fall sein möge! L. T. Einige Notizen über jüdische Aerzte im Mittelalter, insbesondere in Bayern. In Bayern lebten schon im Mittelalter jüdische Aerzte und kommen urkundlich öfters vor; sie haben anfänglich blos den Angehörigen ihrer Confession, später auch den Christen ärztliche Hülfe leisten dürfen. Obwohl sie sehr vielen Anfeindungen, besonders von Seiten der Geistlichen ausgesetzt waren, so haben sie sich doch damals schon hervorgethan, so daß sie von Fürsten und Grafen zu Rathe gezogen wurden. Jakob der Jud war um 1350 des Herzog Stephan von Bayern Arzt (Keg. rer. boic. IX. 198). In Nürnberg lebte 1370 Josephus medicus Judaeorum. In einer hebräischen Pergamenthandschrist der Nürnberger Stadtbibliothek von 1291 wird schon Moses medicus judaicus genannt. In Pass au erließ 1407 Bischof Georg die merkwürdige Verordnung, daß weder Volksärzte, Weiber, noch Juden Arzneikunst üben sollten. (Keg. rer. boic. XI. 400) Die Statuta Synodi Frisingensis vom Jahre 1440 bestimmten: Nemo praesumat medicinam a Judaeis capere. (Meicheibeck, Histor. Frising. II. 265). Auf der Bamberger Synode 1491 wurde den jüdischen Aerzten gleichfalls untersagt, christliche Kranke zu behandeln: ,,Judaei nec Christianos infirmos visitent, vel circa ipsos quovis modo opera medicinae exerceant.“ Weniger engherzig zeigte man sich zu Frankfurt im Jahre 1511, es wird daselbst Moses von Aschaffenburg als medicu8 Ordinarius erwähnt. Eine Rathsversammlung von 1528 gebot, ihm zu jeder Stunde der Nacht die Thore zu öffnen, weil die benachbarten Grafen, sonderlich die zu Hanau, seines Rathes oft schnell bedurften. (Vergl. Müller u. Falke, Zeitschrift für die Culturgeschichte 1858, 220.) Nach einem Rathsprotokolle der Stadt Hall (Würtemberg) von 1657 erhält Herr Hirsch Judacu8 promotus, Doctor medicinae, von Einem Rathe die Erlaubniß wegen seiner vortrefflichen Experienz und Kunst im ganzen Lande zollfrei zu passiren. Diesem Privilegium setzten sich alle Geistlichen mit der größten Vehemenz entgegen, indem sie sagten, es wäre besser, mit Christo 'gestorben, als per Judendoctor mit dem Teufel gesund werden. Dr. B. Literarisches Kuriosum. Aörne über christliche Toleranz.*) Die JudM, der freien Stadt Frankfurt erfreuten sich ehemals der zärtlichsten Sorgfalt ihrer Regierung. Sonntags durften sie ihre Gaffe nicht verlaffen — damit sie von Betrunkenen keine Anfälle erlebten. Bor dem 25. Jahre durften sie nicht heirathen — damit ihre Kinder gesund und stark würden. An Feiertagen durften sie erst um sechs Uhr Abends zum Thore hinausgehen — damit die allzu große Sonnenhitze ihnen nicht schade. Ging ein Jude über die Straße und ein Christ rief ihm zu: Mach Mores, Jud! — so mußte er seinen Hut abziehen — durch diese höfliche Aufmerksamkeit sollte die Liebe zwischen beiden Religionsparteien befestigt werden. *) Aus A. Chr. Jessen'S „Frei Pädagogische Blätter". Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.