Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1868)
- Date
- 1868-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Allglmei ii c " NN6> k> £) 4-0 f'O (- j - -\r vv li.in > Femlletou-Seilage 51t Vr. 18. Leipzig, der: 28. April 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung (Fortsetzung.) 6. Das Schwurgericht war versammelt. Die Sitzung fand in dem großen gothischen Saale des alten Oberlandeögerichtsgebäudes statt. Es war ein länglicher Raum mit gewölbter Decke und großen Kirchenfenstern im Spitzbogenstyl. Das lebensgroße Portrait des Königs hing im Hintergründe und vor ihm befand sich die erhöhte Tribüne, auf welcher das Richtereollegium, bestehend aus dem Präsidenten, zweien Rathen, zweien Assessoren und einem Protokollführer, an der einen Seite einer langen mit grünem Tuche beschlagenen Tafel Platz genommen. Rechts von der Tribüne war das Pult des Oberstaatsanwaltes, an das sich die Sitze der Geschworenen schlossen; links das Pult des Verteidigers und dahinter die Anklagebank nebst Sitzen für die dienstthuenden Beamten. Zwischen beiden lagen auf einem runden Tische die Corpora delicti, diesmal nur der besprochene Hirschfänger. Der Tribüne gegenüber befand sich die Zeugenbank, hinter welcher ein mäßiger Raum dem Publikum geöffnet war. Heute war dieser auf's Dichteste gefüllt, und eine große Menge hatte wegen Mangels an Platz, abgewiesen werden müssen. Auf den Treppen und Höfen des Gebäudes, auf dem Platze vor ihm trieben sich die Leute umher, um etwa später noch Einlaß zu gewinnen, oder ans dem Innern Nachrichten zu erhaschen, die sie geschäftig in der aufgeregten Stadt verbreiten konnten. Durch die Freundlichkeit des Staatsanwaltes, dem ich meine ungewöhnliche Theilnahme ausgesprochen hatte, war mir ein Platz hinter seinem Sessel gesichert worden, so daß ich während der ganzen Verhandlung dem Angeklagtetl gerade gegenüber saß und ihn auf's Genaueste beobachten konnte. Die allgemeine Stinunung war entschieden gegen Elkan eingenomtnen; er war verurtheilt, ehe man ihn noch gesehen, noch gehört. Ich fürchtete, daß dieses Vorausurtheil auch auf die Geschworenen influirt habe. Wir sind alle Menschen, in welchen der erste Eindruck, die erste Kunde, das scheinbare ZaGnmentrAAu unbewußt eine Grundstünmung hervorbrinw, eie. roir uns auch mit unserem Verstände teuerer. waGwn, hinterdrein nur schwer überwunden werden fr.:::. Andren) ick) durch die Menge schritt, oder vielmehr nckck langsam hindurch drängte, konnte ich genug Ausdrücke AAeckVerdammung hören und wie man die BerurAckckmnmit Gewißheit erwartete. Betrübten Sinnes ließ ick rück daher auf den mir angewiesenen Platz nieder. Die Förmlichkeiten waren argen an. Lei dein Erscheinen der Richter im Saale dännene sich ras Geräusch der Menge zu einem leisen Geflüster: rann rrar lautlose Stille ein. Der Präsident eröffnen die Si-eung, die Geschworenen wurden ausgelost, und Ankläger und Verteidiger ließen ihr einförmiges ,,Angenommen" oder „Abgelehnt" hören. Die Eescknroreren nahmen ihre Sitze ein und leisteten den Eid. Fern befahl der Vorsitzende, den Angeklagten hereinzubringen. Große Spannung auf allen Gesichtern; die Blicke Acker auf die Thüre gerichtet, durch welche er eimreren mußte. Sie öffnete. sich, Elkan trat ein, zwischen zwei Gensdarmen. Der Eindruck seiner Erscheinung war ein eigenthümlicher. Er hatte sich anständig und reinlich gekleidet, aber ohne etwas Auffälliges. Bart und Haar waren geschnitten; er sah sehr blaß aus, aber Züge und Blick waren ruhiger, als ich sie jemals an ihm gesehen; seine Gestalt aufgerichtet, sein Schritt fest, ohne Selbstbemußtsein oder gar Unverschämtheit zu verrathen. Alles war enttäuscht. Was hatte man erwartet? Ein Verbrecher, auf welchem dreifache Schuld, Mord und Raub lasteten, wie wild, grümnig oder erdrückt und gebrochen mußte er erscheinen! Man hatteein Raubthier zu sehen gehofft, und es kam nur ein 'ruhiges, gezähmtes Wck'd . . . eigeuthümlich, eine gewisie Mißachtung, ein verächtliches, höhnisches Lächeln zeigte sich auf vielen Gesichtern. Ich freute mich dessen. Dieses Gefühl mußte der erste Stoß auf das Vorurtheil sein, mit welchem man Elkan empfing. Es schlich durch die Bersammluug die Emrsindnng, daß dieses Aeußere keinen solchen Bösewich: verhüllen könne. Nachdem der Augeschuldigte die Generalfrageu beantwortet hatte, was er mit ruhigem, etwas heiserem Tone that, wurde der Anklageakt verlesen. .Er nahm über eine Stunde ein, denn mtt großer Sorgfalt, aber