Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-18 · Heft 8 (18.2.1868) · p. Seite 157

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 8 (18.2.1868)
Date
1868-02-18
Page
Seite 157 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226644--25816-3261328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ztilung -es Zndcnthums. Femlleton-öeilllgeAr. 8. Leipzig, den 18. Februar 1868. Frank und die Frankisteu. Unsere Leser werden sich erinnern, daß wir vor einiger Zeit über den geheimnisvollen Frank, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Offenbach residirte, aus einer Brochüre des Herrn Schenck-Rinck Auszüge brachten, welche manches Licht über das Tatsächliche aus dem Lebensabschnitt des Frank verbreitete, dabei aber ihm und seinen Anhängern alles religiöse Moment absprach und sogar vermuthen ließ, duß Frank der vermeintlich ermordete Peter III. und die Eva Frank ein Sprößliug der russisch kaiserlichen Familie gewesen sei. Glücklicherweise sind aber seitdem Aktenstücke ans Licht getreten, welche den Schleier, der diese Vorgänge verhüllte, bedeutend lüfteten, wenn auch nicht ganz zerrissen. Augustin Theiner veröffentlichte aus einem Fascikel der vatikanischen Kanzlei fünf Aktenstücke von großer Wichtigkeit für diese Sache (1864); dann erschien eine Monographie über Frank von einem Skimborowicz (1866) aus authentischen Quellen. Diese neuen Veröffentlichungen in Verbindung mit den noch nicht genug benutzten älteren jüdischen Quellen gewährten unserem unermüdlichen Geschichtsforscher Herrn Dr. H. Grätz die Materialien zu einer kritischen Arbeit, die in dem soeben erschienenen Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau veröffentlicht worden. Wir glauben daher unseren Lesern einen Dienst zu leisten, indem wir aus dieser Abhandlung die wichtigsten Züge herausheben. Der Name dieses immerhin merkwürdigen Betrügers war Jankiew Lejbowicz (d. h. Jakob, Sohn des Leib). Er war geboren im südlichen Galizien, 1712 oder 1723 oder 1727. Den Namen Frank erhielt er von seinem Aufenthalte in der Türkei. Vergebens suchte ihn sein Vater, der nach Czernowitz verzogen war, zum Rabbiner zu erziehen; er hatte keine Anlage zum Verständniß des Talmuds und blieb unwissend. Dagegen war er von Kindesbeinen an der Lüge und dem Betrüge ergeben, die er gegen seinen Vater übte, um neue Kleider zu bekommen. In seinem dreizehnten Jahre kam er als Diener eines polnischen Juden nach Bukarest und weiter nach der Türkei. Später verlegte er sich selbstständig auf den Handel und will nach seiner Aussage bedeutende Reichthümer erworben haben. 1752 heirathete er in Nikopolis ein schönes Mädchen, das ihm 1753 und 1755 zwei Söhne gebar. Jetzt erst wurde er in Salonichi mit den dortigen Anhängern des Sabbathai Zewi bekannt und ließ sich in ihre Sekte aufnehmen. Sie waren eine Art Juden-Türken, und ihre Ideen gaben dem Frank den Stoff zu seiner späteren Mystik. Auch in Polen hatte sich eine ähnliche sabbathaische Sekte gebildet, die aber ihr Treiben geheim halten mußte, weil sie von den Rabbinen scharf beobachtet wurde. Sie suchte aber dennoch Propaganda zu machen, und zwar unter dem Deckmantel der äußersten Orthodoxie. Noch fehlte es aber diesen polnischen Sabbathianern an einem Führer, der sie zu einer Gemeinde verbinden sollte. Diesen fanden sie in Frank. Er hatte das Bekenntniß derselben in Salonichi angenommen und war Mohammedaner geworden. Schon in der Türkei hatte er nach einem eigenen Anhänge gestrebt, und die Erbitterung der Juden war dort so groß gegen ihn, daß Frauen mit Steinen nach ihm warfen. Wahrscheinlich gelang es ihm doch nicht, dort eine Rolle zu spielen, und er ging nach Polen. Schon unterwegs sing er einige Seelen. Seine Bettel dazu waren Geld und Blendwerk. Er war von Gesicht häßlich, sprach schlecht und obwohl er mehrere Sprachen verstand, sprach er doch nur den Jargon der portugiesisch-türkischen Juden. Die bekannte Streitsache des der sabbathianischen Sektirerei angeklagten Jonathan Eibeschütz hatte unter den polnischen Juden eine Spaltung hervorgerufen. Frank machte nun in Polen eine Rundreise, um seine Lehre zu verbreiten. Er gab sich für den Messias oder den Gottmenschen aus und machte zu diesem Zwecke allerlei Wunderkram mit Spiegeln u. dgl., sagte die Zukunft vorher, hob die Keuschheits- und Ehegesetze auf und verstreute besonders Geld. So wurden aus den Sabbathianern in Polen Frankisteu, die ihn nicht mehr als Messias, sondern als einen Gott anbeteten. In dem Gebete, das sie recitirten, kamen spanische und türkische Wörter vor, es war also in seinen Haupttheilen den türkischen Sabbathianern entlehnt. In Laskorun kam ihr Treiben an den Tag, indem sie bei einem Akt unsittlichster Art überrascht wurden. Auch Frank wurde hierbei gefangen, mußte aber als Türke schon am anderen Tage sreigelassen werden. Von diesem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.