Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1868)
- Date
- 1868-01-21
- Page
- Seite 80 (sequence 20)
- Language
- German
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80 Kleine Betrachtungen. Neulich kam uns zufällig der Roman eines beliebten Schriftstellers in die Hände, in welchem ein Taugenichts seine Lebensgeschichte erzählt. Er hebt diese ungefähr mit den Worten an: „Ich habe Eltern und andere Kinderkrankheiten, wie gewöhnlich, gehabt." So frivol diese Worte sind, so kann man doch nicht leugnen, daß in der That viele Menschen an den Uebeln lebenslang laboriren, welche ihnen ihre Eltern durch böses Beispiel und selbst wohlgesinnte durch falsche oder gar schlechte Erziehung eingepflanzt haben. Es gelingt nur selten, die üble Entwicklung, die schlechten Gewöhnungen, die Schwächen und Fehler des Charakters, die wir in der Jugend angenommen, im Laufe des Lebens zu überwinden. In der Regel sind sie uns unausrottbar eingesenkt, oder es gehören doch die bittersten Erfahrungen, die heftigsten Stürme dazu, um sie uns klar zum Bewußtsein zu bringen, und uns die Kraft zu verleihen, sie in uns zu bekämpfen und zu beseitigen. Aus solchem Streite geht unsere Seele immer mit Wunden und Narben bedeckt hervor, und eine große Summe unserer besten Kräfte geht dabei verloren. Jenes frivole Wort eines Taugenichtses, welches seine Eltern mit den Kinderkrankheiten auf eine Stufe stellt, hat daher auch eine tiefe und ernste Bedeutung, und muß alle gewissenhaften und liebenden Eltern mahnen, wohl darauf zu achten, daß sie sich nicht selbst zu den Krankheiten der Kinder gesellen. Eine alte Mahnung fordert auf, sich vor denen zu hüten, welche mit den Augen zwinkern oder mit den Achseln zucken und hinter dem Rücken ein Geberdenspiel treiben. Eine andere Erfahrung läßt diejenigen fürchten, welche mit frommen, gottseligen Redensarten um sich werfen, da solche immer nur eine Maske der Heuchelei vor dem Angesichte tragen. Hierzu gesellt sich noch eine dritte Warnung, nämlich vor denen, deren Mund stets von süßen, tugendhaften Phrasen, von Liebe, Gerechtigkeit und Sittlichkeit überfließt. Wer einen wahren Schatz an frommem Sinn, an Liebe und Tugend besitzt, der wahrt ihn im innersten Schreine seines Geistes, und läßt ihn nur als hochgehaltenes Gold da in Wort und That zum Vorschein kommen, wo es gilt, Bedeutenves und Werthvolles zu bewirken. Jene aber gehen damit um wie mit Zahlpfennigen, deren sehr geringen Werth sie selbst kennen, und die sie Anderen als gute Münze in die Hand zu geben denken. In der Regel irren sie sich. Lassen sich auch die Menschen leicht vom Scheine trügen, so dauert dies doch nicht lange, am wenigsten aber, wenn die Schminkfarben zu dick aufgetragen werden. Kuriosa. Wiener Blätter enthalten Folgendes: Unter den galizischen Israeliten herrscht bekanntlich noch häufig die Sitte oder vielmehr die Unsitte, Kinder im zarten Alter zwischen 12 und 14 Jahren zu verheirathen. Die Folge davon ist, daß derartige Ehen selten glücklich ausgehen und bald freiwillige Trennungen herbeiführen, die dann zu den seltsamsten Verwickelungen Anlaß geben. So übersiedelte verwichenen Sommer eine israelitische Familie aus Tismenic nach Wien. Die ältere Tochter, eine siebzehnjährige reizende Dame, erweckte bald die Aufmerksamkeit der hier weilenden polnischen jcunesse tloree. Es bildete sich dann ein Liebesverhältniß zwischen ihr und einem Banqnierssohn aus Warschau heraus. Bor vierzehn Tagen sollte das Hochzeitsfest gefeiert werden und alle Anstalten waren bereits dazu getroffen. Da meldete sich aber ein eben aus Bukarest angelangter junger Mann bei den Eltern des Mädchens. Als die Braut ihn erblickte, erblaßte sie vor Schrecken und die ganze Familie wurde bestürzt. Was war geschehen? Der neue Gast war der vor drei Jahren angetraute Gemahl der Braut. Wegen Familienzwist war er heimlich nach der Walachei gegangen und kam in Folge der dort herrschenden feindseligen Stimmung gegen die Israeliten jetzt nach Wien. Er reclamirt nun wieder seine Frau, die' jedoch keine Liebe mehr für ihn empfindet. Bor Allem wurde durch das Erscheinen des Gemahls "das Hochzeitsfest gestört und falls die Braut auf Scheidung bestehen und der Mann sich nicht dazu verstehen sollte, so wird der Warschauer wahrscheinlich auf seine galizische Flamme verzichten müssen. — Die Geschichte, die der Einsender aus Discretion ohne Namen zu veröffentlichen bittet, ist sehr charakteristisch für die galizischen Eheverhältnisse der Juden, von denen schon wiederholt in öffentlichen Blättern die Rede gewesen. In einer Notiz im „Luxemburger Wort" vom 31. December, findet sich ein komischer Druckfehler; es heißt darin: „Der Sohn eines alten ersten Rabbiners von Jerusalem, der vor zwei Jahren zu St. Sulpice in Paris von Msgr. Buquet gekauft (statt getauft) worden, hat am Vorabende des diesjährigen Festes „von der unbefleckten Empfängniß Mariä" das Kleid bei den Schnlbrüdern genommen." — Wie charakteristisch in jeder Beziehung! Nach der kürzlich erschienenen „statistischen Skizze" des Prof. Brachelli sind im Kaiserthum Oesterreich l,t2l,l0v Israeliten. Verlag von Baumgartners Buchhandlnng in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ur. H. LoHe.