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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-01 · Heft 1 (1.1.1868) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 1 (1.1.1868)
Date
1868-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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- 20 bofatur nicht gelangen. Es traten die Sorgen des Familienvaters an ihn heran; so entschloß er sich, zum kaufmännischen Fache überzugehen, wobei die Unabhängigkeit seiner Meinungen und Ueberzeugnng ihm gesichert blieb. Er trat im Frühjahr 1855 aus der Kammer und bei einem Bankhaus in Nürnberg ein, welches ihn mit größter Freude aufnahm, und blieb daselbst bis 1 860. Bezeichnend für die Achtung seiner Gegner ist die Art, wie der Münchener „Punsch", ein Witzblatt, welches der ärgsten Reaction dient, diese Mittheilung brachte: „Herr Dr. M. hat das politische Fach mit dem merkantilischen vertauscht, möge er sein merkantilisches Fach politischer betreiben, als er das politische merkantilisch betrieben hat." Später betheiligte sich M. an einer Folienfabrik, die er später auf eigene Rechnung übernahm, und mit großem Erfolge bedeutend erweiterte. Charaktere, wie dieser, gereichen dem Staat und der Glaubensgenossenschaft zur Ehre. Möge es uns nie an solchen Männern fehlen!*) Ni. Fürst in Bayreuth. Notiz. Die Ronneburg, eine Freistätte des Glaubens. Vor einiger Zeit brachte die „Gartenlaube" eine ausführliche Schilderung dieser Burg, und wissen wir nicht, ob das über dieselbe dort Gesagte factisch wahr oder mehr eine dichterische Phantasie sei? Wir wünschten daher, daß einer unserer Freunde, der ein Näheres darüber zu wissen oder zu erfahren im Stande wäre, uns hierüber weitere Aufschlüsse geben möchte. Die Ronneburg ist ein weitläufiges, zu einem großen Theile jetzt verfallenes Bauwerk in der Wetterau, im Landgerichte Büdingen, früher den Jsenburgern gehörig. In dieser Burg sollen verfolgte Anhänger aller Glaubensrichtungen eine freie Zufluchtsstätte gefunden haben. Die ältesten Schützlinge der Burg sollen die Juden gewesen sein, die aus dem nahen Frankfurt am Main bei den großen Verfolgungen, die sie in dieser Stadt erlitten, sich öfter schaarenweise dahin gerettet. So öffnete sich 1614 ihnen die Zugbrücke dieser Burg und Viele blieben zurück, auch als ihnen Frankfurt seine Judengasse wieder eröffnete. Zigeuner, Alchymisten und Astrologen, die französischen Flüchtlinge nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes (4 685), die aus Salzburg vertriebenen Protestanten, die Herrenhu- *) Wir vermissen in dieser trefflichen Lebensskizze die Angabe des Geburtsjahres, Geburtsortes u. s. w. des Dr. Morgenstern, und wünschen wir der Vollständigkeit wegen, diese Angaben nachträglich bringen zu können, bitten daher denjenigen, welcher uns diese Notizen verschaffen könnte, um dieselben. Redaction. ter (1736), die Mährischen Brüder suchten und fanden hier Zuflucht. Der Berichterstatter M. v. Hnmbracht will bei seinem Besuche von allen alten Flüchtlings- und Wandergästen der Burg noch zwei alte Jüdinnen da gefunden haben. Er schreibt hierüber: „Die jüngere der beiden Jüdinnen, eine Jungfrau von weit über sechszig Jahren, hat ein liebes, ansprechendes, gutes und sehr intelligentes Gesicht, ist geistig aufgeweckt und geistig auch noch jung, denn klar und sicher sprach sie uns von Allem, was sie erlebt, an jener interessanten Stätte gesehen und gehört hatte. Ihr Bild wird mir unvergessen bleiben, wie sie dasitzend auf der verfallenen Brustwehr sich in Erinnerungen verlor an längst vergangene Zeiten. Sie wußte Alles von der Ronneburg, was wir aus schriftlichen Quellen geschöpft oder aus mündlichen Übertragungen gehört, und gut verstand sie es, alle ihre Aussagen und Erzählungen an der interessanten Stätte wirksam zu erläutern. Ihre gebildete Ausdrucksweise, ihr klares Urtheil und ein seltenes treues Gedächtniß nöthigten uns Allen Staunen und Bewunderung ab, und fort und fort entzückte uns bei ihrem Wort die schlichte Einfachheit des ganzen Wesens, der Ernst, die Wahrheit ihres Blickes und jenes liebe glückliche Lächeln, mit dem sie die alte Burg anschaute, — so oft sie hierhin oder dorthin deutete bei ihren Erzählungen. Sie war auf der Ronneburg geboren und erzogen, und schon ihre Eltern und Vorfahren hatten da gelebt; — sie war fast nie in die Welt hinaus gekommen und doch vertraut mit deren Form, mit jener feinen Schattirung guten Tons und besserer Sitte, die nun einmal immer das bevorzugte Erbtheil Derer ist, die ihr Gemüth gebildet haben. Ich fand durch diese arme einfache Frau eine Anschauung auf das Schönste bestätigt, die ich aus den Erfahrungen meines Lebens, im Verkehr mit den Menschen gewonnen habe: daß die echten Perlen des Geistes und des Herzens oft in der unscheinbarsten Schale liegen und nur der reichen Fassung der Kunst und eines verfeinerten Geschmacks bedürfen, um ihren wahren Werth hervortreten zu lassen. Die andere Jüdin, eine alte Wittwe, in der nationalen Tracht, die Frauen jenes Stammes vorgeschrieben ist, mag eine ebenso interessanle Quelle für die Ronneburg sein. Wir erfuhren nichts durch sie, da wir sie in Wahrheit Alle fürchteten, wie sie dort auf der Burg überhaupt gefürchtet zu sein schien. — Sie aus wie ein abgeschiedener Geist, und Leben war bei ihr nur in dem unstät blickenden dunkeln Auge zu finden. — Ich bin nicht furchtsam, wär' auch gern reich, — doch nicht um Schätze möchte ich mit der Alten eine Stunde in den ausgestorbenen Räumen der Ronneburg allein sein, wo sie als die Letzte ihrer Art haust." Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur I>r. H. Lohe.

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