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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-12-10 · Heft 50 (10.12.1867) · p. Seite 1008

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 50 (10.12.1867)
Date
1867-12-10
Page
Seite 1008 (sequence 20)
Language
German
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1008 K. tritt ein. Der König sitzt an seinem Schreibtische und arbeitet. Dem Schneider klopft das Herz in leicht erklärlicher Aufregung. Bescheiden steht er in der Ecke des Gemachs und wartet. Minute vergeht um Minute; aber Niemand nimmt Notiz von ihm. K. denkt bei sich: „Was kann da sein?" und macht sich durch mehrmals wiederholtes kräftiges Aufstampfen seiner Gehwerkzeuge bemerklich. Der König blickt auf. — „Ah, da sind Sie! Was wünschen Sie?" — Majestät, Sie werden an meiner Sprache hören, daß ich ein „Großherzogthümer" bin. Mein Vater — Gott Hab' ihn selig — war ein armer Mann, der nichts auf meine Ausbildung verwenden konnte. Ich kann weder lesen noch schreiben. Ich habe aber einen Sohn, der ein sehr tüchtiger Mensch ist; der führt mir die Bücher und schreibt mir die Briefe, denn mein Geschäft geht „unberufen", Nun haben sie mir aber meinen Sohn zum Militär ausgehoben, und nach Allenstein geschickt. Majestät, mein Sohn ist ein guter Preuße; er soll dienen, aber hier, nicht in Allenstein. Dort kann er Eurer Majestät gar nichts nützen. „Warum wurde Ihr Sohn nicht hier eingestellt?" „Majestät, er ist einen Strich zu klein." „Haben Sie die nöthigen Papiere bei sich?" ,„Ja." — K. überreicht alle einschlagenden Documente, welche der König, der durch die improvisirte Audienz in sichtlich gute Laune versetzt worden ist, einer Durchsicht unterwirft. „Ja, mein Herr, ich ersehe hieraus, daß Ihr Sohn nicht einen, sondern drei Striche zu klein ist." — Majestät, es wird Ihnen doch auf die Paar Striche nicht ankommen! Der König amüsirt sich „königlich". „Nun wohlan, so gehen Sie zum General v. Treskow und sagen Sic ihm, ich wünsche, daß Ihr Sohn hierher versetzt würde." — Der glückliche Vater überströmt von Danksagungen. Kaum kann er Worte finden, um seinen Gefühlen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Der Adjutant will dem ein Ende machen, und bedeutet ihn zu gehen. K. gehorchte. An der Thür aber bleibt er stehen, und macht dem Adjutanten pantomimisch begreiflich, daß er noch etwas zu sagen habe. Der aber will weitere Expectorationen verhindern, und flüstert ihm leise zu: „Jetzt ist's genug!" Darob empört sich des Schneiders Blut. „Was wollen Sie denn," ruft er laut, „mit Ihnen habe ich gar nicht gesprochen. Ich habe nur mit meinem König zu thun." „Was wollen Sie noch?" fragte der Letztere, dessen gute Laune auf's höchste gestiegen war. „Majestät, ich bin schon einmal beim Hrn. General v. Treskow gewesen. Unter uns gesagt, er hat mich rausgeworfen. Das thut er am Ende diesmal wieder. Darum sind Sie so gut, Majestät, und geben Sie mir ein Zettelchen." Der König thut wie der Schneider wünscht. „Zu welchem Truppentheil soll ich denn eigentlich Ihren Sohn versetzen?" — Wissen Sie, Majestät, ich habe mir's überlegt. Wenn Sie so gut sein wollen, zu „Alexander, die wohnen mir am nächsten." Der Schneider hat Alles erlangt, was er wollte. Freudetrunken verläßt er das Palais, und lange noch denkt er gewiß an seinen Besuch beim König Wilhelm und an die „wichtige militärische Angelegenheit", die dieser mit ihm erledigt hat. Notiz. London. Die unter dem Patronate der Königin stehende Gesellschaft zur Erforschung der heiligen Stätten in Palästina, deren Präsident der Erzbischof von Aork ist, hat nach zweijährigem Wirken ihre Geldmittel vollständig erschöpft und wird, wenn nicht weitere Beiträge zufließen, ihre Arbeiten an Ort und Stelle einstellen müssen. Die Untersuchungen des Artillerie-Lieutenants Warren haben bis jetzt ergeben, daß die Südseite der Tempelmauer noch eine Faeade von fast 1000 Fuß Länge und zum größten Theil 150 Fuß Höhe besitzt, die indessen fast über die Hälfte mit Schutt und Trümmern verdeckt ist. Außerdem lassen die gemachten Entdeckungen fast mit Gewißheit annehmen, daß in dem Thale Tyropöon iwestl. vom Tempel; noch ein ganzer Stadttheil auszugraben ist. Das Thal scheint erst in der Nähe des Tempels sich zu einer engen tiefen Schlucht vertieft zu haben, die der dort gefundene einzelne Bogen überbrückte. Bis jetzt sind im Ganzen 3242 £ verausgabt worden und das dafür gewonnene Resultat begreift außer den gemachten Entdeckungen, die allen Nachforschungen eine neue Wendung geben, Vermessungen bis zu einem Umfang von 2300 Qu.-Meilen, *) Pläne, Karten und 340 Photographien in sich. Da Herr Warren die noch nöthigen Ausgaben auf im Ganzen nur 1500 £ veranschlagt, so wird voraussichtlich der Aufruf der Gesellschaft nach Geldbeiträgen nicht erfolglos verhallen. *) Doch wohl nicht Qu.-Meilen! Red. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redalkeur Ur. H. Lotze.

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