Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1867)
- Date
- 1867-11-12
- Page
- Seite 910 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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910 halten, und machen sich zu Vorkämpfern für Tendenzen, welche das große deutsche Volk mit Entschiedenheit verurtheilt hat! Sie begreifen nicht, daß sie gerade dadurch ihrem Deutschthume die größten Schläge beibringen und mit eigener Hand ihre mächtigen Gegner fast nöthigen, ihrer separatistischen Geltung schon aus Rück- . sichten des allgemeinen Staatswohles ein Ende zu machen. Auch hier erkennen wir den Wahn und die Verblendung derer, welche Vorrechte zu vertheidigen glauben, in denen sic Andere auSznschließcn und zu unterdrücken suchen, während sie doch gerade hierdurch sich und ihre Privilegien ins Bloße stellen. Diese knrländischen Deutschen haben in der jüngsten Zeit ihr Organ in dem Bürgermeister von Milan, Herrn F. v. Zuccalmaglio, gefunden, der im Julihefte der „Baltischen Monatsschrift" eine ausführliche Abhandlung über „die Bevölkerung der kurländischen Städte insonderheit der Stadt Mitau" veröffentlichte, von der er 15 Seiten den Juden widmete, und in der „kurländischen Gouvernementszeitung," die in ihrer Nr. 69 vom 30. August den Schilderungen und Vorschlägen deS genannten Herrn Bürgermeisters großes Lob und ausführliche Mittheilung widmete. Bevor wir jedoch auf die Abhandlung des gedachten Herrn eingehen, theilen wir hier ein uns zugekommenes Schreiben mit, das sofort eine Einsicht in die Art und Weise erschließt, in welcher Herr v. Z. die f a c t isch e n Zustände behandelt, oder vielmehr mißhandelt. Szagarren in Lithaucn, im October. Es wird Sie nicht Wunder nehmen, wenn ich von hier aus einige Worte über die Abhandlung des Herrn Bürgermeisters von Mitau Ihnen zusende. Wenn in der letzten Zeit für die Besserstellung der Juden, d. h. für Gerechtigkeit und gesunde Bolkswirthschaft, auch in Kurland eine günstigere Stimmung eingetreten, so ist es offenbar, daß der genannte Herr diese wieder abschwächen, wenn nicht vollständig beseitigen will. Nun ist es aber nicht blos das Interesse für unsere kurländischen Glaubensgenossen, das inich leitet, sondern auch die Ansteckung, mit welcher wir in Lithauen aus dieser unserer Nachbarschaft bedroht werden, wie dies sich vor Kurzem darin bewies, daß wir in Lithauen ebenfalls vom Erwerb ländlichen Grundbesitzes ausgeschlossen worden sind. Bon dem Herrn v. Zuccalmaglio haben wir uns übrigens nichts Besseres zu erwarten gehabt, denn wir erinnern uns sehr tvohl, welche Argumente und Anklagen er vor ungefähr vier Jahren, als die eilf Magistrate über die Emancipationsfrage sich gutachtlich zu äußern hatten, vorgebracht, aber höheren Orts damit total verunglückt ist.*) Dagegen ist sein gegenwärtiges Auftreten noch milde. Man kennt die ständische Verfassung von Kurland und ihre Tendenz, die Gesetze des vorigen Jahrhunderts festzuhalten, die zum Landtag Berechtigten in ihren Vorrechten zu conserviren, und wenn auch ihnen selbst und den Kronsdomainen durch die verringerte Concurrenz der größte Nachtheil dadurch geschieht. In allen diesen Beziehungen steht Kurland mit Mecklenburg auf einer Linie. Dieses letztere wird aber jetzt durch den Einfluß des norddeutschen Bundes regenerirt und so müssen wir dies auch für Kurland von Rußland aus erwarten, weil jene es eben nicht anders haben will. Schon im Jahre 1793 machten die Privilegirten Kurlands alle möglichen Anstrengungen um eine völlige Ausweisung der Juden aus Kurland zu erwirken, und leicht hätten die Petitionen der Juden, namentlich der Vorsteher Aaron Lippmann Levy und Isaak Moses Eidus bei dem damaligen Herzog keinen Erfolg gehabt, wenn nicht 1795 Rußland diese Provinz einverleibt, und wenn auch mit Belastung der drei bevorrechteten Elasten, der Feudalen, Clerikalen und Zunftbürger, geordnete Zustände herbeigeführt, 1799 ersprießliche Gesetze über Juden gegeben, und sie schon 1814 in den städtischen politischen Rechten mit aktivem und passivem Wahlrecht den Christen gleichgestellt hätte. Von jener Zeit bis 1840 erhielten die Juden gleichlautende Bürgerbriefe mit den Christen, in der Stadt Hasenpot war ein Jude Rathsherr (Euchel), in Pilten Stadtältermann und in Malis fungirte ein jüdischer Bürgermeister, die sämmtlich ihr Amt zu allgemeiner Zufriedenheit bis an ihr Lebensende verwalteten. Auch in Mitau wurden die Juden bei jeder Wahl und zur städtischen Administration zugezogen. Als vor ungefähr 28 Jahren die Obrigkeit die Anstellung eines gelehrten 'Bürgermeisters für nöthig erachtete, waren es die Juden, die eine ohne sie vollzogene Wahl rückgängig machten und durch die Majorität ihrer Stimmen den Herrn von Zuccalmaglio zum Bürgermeister von Mitau wählen ließen. Aber gerade von dieser Zeit wurden sowohl die politischen Rechte als auch die Gemeindeversassung der Juden verkümmert; die Gemeinde wurde systematisch dahin gebracht, daß sie über ihre eigenen Angelegenheiten, wie über Armenpflege, Cultus u. s. w. ohne Zusammenhalt, *) S. den Leitartikel in Nr. 43 vom Jahre 1863 d. Zeitg. „Kurland contra Juden."