Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1867)
- Date
- 1867-11-05
- Page
- Seite 908 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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908 Commissionsantrag einen hervorragenden Antheil hat, vertheidigt er ihn im Plenum am 23. Januar aufs Nachdrücklichste in zwei überzeugenden Vorträgen. Noch in derselben Sitzung vertheidigt R. als Berichterstatter einen zweiten Antrag der Budget-Commission, wonach auf Grund des § 99 der Verfassung bei Vorlegung des Staatshaushaltsetats vom Jahre >865 ab der Voranschlag für die Rendantur des Staatsschatzes in den betreffenden Etats ersichtlich gemacht werden solle; denn darin beständen die richtigen Grundsätze, welche in einem eonstitutionellen Staate zur Ausführung gelangen müssen, wenn er nicht als ein scheineonstitutioneller Staat dastehen soll. Unter steigenden Divergenzen zwischen Landesvertretung und Regierung und bei den immer größeren Erschwerungen, welche der Regierung aus den Beschlüssen des Landtages erwuchsen, wurde dieser am 25. Januar 1864 geschlossen, nachdem der aus seinen Berathungen hervorgegangene Staathaushaltsetat für das Jahr 1864 vom Herreuhause verworfen worden. Als ein volles Jahr später, am 14. Januar 1 8 65 der Landtag wiederum zusammentrat, lag eine Zeit voll großer Ereignisse hinter ihm; es hatte Preußen in Gemeinschaft mit Oesterreich das Schleswig-Holsteinische Land dem dänischen Scepter durch Waffengewalt entrungen und es dem deutschen Vaterlande zurückerobert. (Schluß folgt.) Kleine Betrachtungen. Ich wohne seit einigen Jahren in einem Hause, mitten in einer reizenden Landschaft gelegen. Dem Blicke zu meinem Fenster hinaus zeigt sich ein fruchtbares, wohlangebautes Thal, von Menschenwohnungen verschiedener Art, mit Gärten, Feldern und Weinbergen besetzt. Die Aussicht ist begrenzt rechts von einem bewaldeten Höhenzuge, links von den stattlichen Gebäuden einer Straße, über welchen die Gipfel einiger fernen Berge aufragen. Den Hintergrund schließt ein Hügel, dessen Spitze von einer wohlerhaltenen Ruine gekrönt ist. Doch noch Eines muß ich erwähnen, um das Bild treu zu zeichnen: längs jener Straße streckt sich auch die gradlinige Eisenbahn hin, welche, nachdem sie die Straße durchschnitten, in die Ferne zum Fuße des Hügels, der die Burgtrümmer trägt, geht. Warum werde ich nicht müde, diese Landschaft zu betrachten? Warum hört mein Blick nicht auf, über sie hinzustreifen? Sind es nicht dieselben Berge, dieselben Häuser und Hütten, dieselben Bäume, dieselben Dampfzüge mit ihren weißen Rauchsäulen, die nach der Bewegung der Luft, rechts oder links verflattern, oder in horizontaler Linie über den Waggons dem Schornstein der Locomotive folgen? Nein, ich werde des niemals satt. Jede Tageszeit, jede Jahreszeit, jede Veränderung in Luft und Gewölk verändert den Anblick, die Beleuchtung, das Farbenspiel, die Grupprrung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände wird zu einem unerschöpflichen Reichthum der Formen, des Charaeters, der Effecte. Da frage ich mich: ist es nicht in geistiger Beziehung ebenso? hat nicht jeder Mensch wie einen beschränkten sinnlichen, so auch einen beschränkten geistigen Gesichtskreis, über welchen er nicht hinaus zu gehen vermag, in welchen er Alles hineinzieht, was sich ihm darbietet, und was sich hierzu nicht hergeben will, das bleibt eben draußen, und er sieht es nicht? und er begnügt sich damit, und weiß kaum, daß sein Blick so begrenzt ist, und daß ihm so unendlich Vieles fern und verborgen bleibt, und wird es niemals müde, auf diesem kleinen Gebiete umher zu wandeln, und die Gegenstände auf ihm bald so und bald so anzusehen und mit den verschiedenartigsten Gefühlen zu betrachten. Aber ist es da nicht sehr zu beklagen, daß dieser Gesichtskreis für die meisten Menschen so überaus eng ist, und, haben sie sich einmal in ihm eingewohnt, sie sehr zufrieden mit ihm sind und ihn gar nicht erweitert wünschen? Erwäge ich dies, so möchte meine Seele ungeduldig werden, so beginnt die alte, überwundene Sehnsucht der Jugend nach der blauen Ferne, immer weiter und weiter, auch in mir wach zu werden, und dies ist ein arger Feind der Ruhe und der Sicherheit... Aber ich habe einmal ein Gemälde gesehen, das außer dem blauen Himmel Nichts weiter zeigte, als einen bräunlichgelben Streif, der den Horizont bezeichnet, und im Vordergründe einen Sumpf mit Röhricht, an dessen Rande eine zerfallene Hütte und ein Reiher stand, der auf einem Fuße ruhte. Es war eine unabsehbare ungarische Pußta. Man erkannte auf den ersten Blick, was das Bild vorstellte, und bemerkte schnell, daß selbst ein wilder Reiter dieser Steppe tagelang über die Fläche eilen könnte, bevor er diesen Horizont erreichen und darüber hinaus zu gelangen vermöchte. So weit dehnte sich der Gesichtskreis in diesem einfachen, und doch künstlerisch großartigen und naturwahren Gemälde aus. Dies ist es, was ich mir zu Gemüthe führe. Nicht auf die weile Begrenzung, auf die ungeheure Ausdehnung des Gesichtskreises kommt es an, sondern auf den Reichthum der Gegenstände, die darin enthalten sind, und auf die Befähigung zur Beobachtung aller der großen und kleinen Nuancirungen, die immerfort vor sich geben. Ob Du einen großen oder kleinen Kreis durchschreitest, vieler „Menschen Wohnungen und Stätten gesehen und Sitten erkannt^: nicht dies entscheidet, sondern wie Du gesehen und was Du erkannt. Der reiche Geist, das lebensvolle Gemüth, der scharfe Blick, der ausdauernde Eifer, was Alles wissen sie selbst ans dem Kleinen und Kleinsten zu ziehen — während der blöde Sinn und das schwache Auge auch am Größten und Weitestreichenden nutzlos vorüberzieht, und Nichts davon in den Scheuern seines Verstandes und Herzens einheimst. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. D« Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur IV» H. Lotze.