Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1867)
- Date
- 1867-11-05
- Page
- Seite 905 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226627--25493-3260998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Zeitung des Zudenthums Feuilleton-Seilage zu tlr. 45. Leipzig, den 5. November 1867. Gallerie von Abgeordneten jüdischen Glaubens. 13. Leonor Neichenheim. (Fortsetzung.! Eindringlich empfiehlt er am 6. Mai den Gesetzentwurf, betreffend die Beschlagnahme des Lohns der Fabrikarbeiter, der nur in der Höhe eines Viertheils seines Betrages der Execution unterliegen solle, und mit warmer Hingabe erhebt er am 7. und 8. Mai sein Wort in langen Vorträgen für die Gewerbefreiheit. Aus jedem Satze klingt die aufrichtige Theilnahme für den Handwerker heraus, und im Namen des Arbeiters weist er die Bemerkung seines Vorredners zurück, daß aus der Gewerbefreiheit Judenverfolgungen und Barricaden erfolgen würden. R. will die Meisterprüfung beseitigt wissen, welcher der Handwerker unterworfen ist, wie ja auch der Fabrikant davon frei ist; dafür solle man ihn vielmehr zur vollständigen Kenntniß der Buchführung, der wirthschastlichen und ökonomischen Verhältnisse gelangen lassen. „Ich wünsche", ruft er aus, „daß den Handwerkern Gelegenheit gegeben werde, ebenso den Chancen des Marktes zu folgen, ebenso jede Gelegenheit zu benutzen, um ihren Wohlstand zu fördern, den ich durch die Abgrenzung der Gewerbe, durch die Gewerbebeschränkung überhaupt in seinen Grundfesten für die Dauer tief erschüttert sehen würde. Deshalb kann ich keinerlei Beschränkung wollen, sondern volle Gewerbefreiheit. Der Handwerkerstand wird dann von der Freiheit der Bewegung denselben Nutzen ziehen, den die große Industrie von derselben gezogen. Der große Industrielle ist bestrebt, sein Interesse mit dem seiner Arbeiter innig und eng zu verschmelzen; er hat dahin zu wirken, daß nicht nur das sittliche Gefühl in dem Arbeiter gehoben, sondern auch daß der innere Mensch zur Erkenntniß gelange, daß er nicht als Sclave, sondern als Mensch dastehe". Eine seiner letzten Reden in dieser Session — am l. Juni — behandelt den Vertrag mit der französischen Regierung wegen Herstellung einer schiffbaren Verbindung zwischen dem Rhein-Marne-Kanal und der Saar, in welcher er die Bortheile der Kanalisirung überzeugend nachweist. Das Jahr 1 8 6 2 bringt die Thätigkeit unseres Abgeordneten in einen fast organischen Zusammenhang mit dem Schluß der vorjährigen. Denn er zeichnet sich zuvörderst in den Debatten über den Handelsvertrag mit Frankreich aus, in welchem er eine tieseinschneidende Politik in liberalem Sinne erkennt; durch denselben würde man nicht mehr nöthig haben, sich in Schutzzölle einzuhüllen, und die Mauer würde gebrochen werden, die man in den Zollvereinsstaaten um die Industrie aufthürme. Vor Allem werde man dadurch frei werden von dem Gedanken, daß Preußen in allen seinen Verhältniffen, insbesondere in seinen materiellen als Vasall Oesterreichs betrachtet werden könnte. Die Verhandlungen, welche vom 6. Juni bis 25. Juli dauern und mit der Annahme des Vertrages schließen, zeigen den Abgeordneten auf der Höhe seines Specialfaches. Er betheiligt sich fünfmal durch längere Reden daran und entwickelt eine so reiche Kenntniß des Details und verräth ein so klares Verständniß des großen Ganzen, um das es sich handelt, daß sein Einfluß die ganze Debatte zu beherrschen scheint. „Man wird mich gesattelt finden", ruft er aus, „um auf alle Fragen vollständig antworten zu können". Es ist intereffant zu sehen, wie sich unter R's Darstellung um den Handelsvertrag mit Frankreich eine Fülle freisinniger Folgen legt und für alle Verhältnisse des preußischen Staates resp. des deutschen Zollvereins eine weite Perspective liberaler Einrichtungen eröffnet. „Nicht in den hohen Zöllen, durch welche die Concurrenz von außerhalb vollständig fern gehalten werde, nicht in dieser Hilfeleistung, um welche man die Regierung fortwährend angehe, nicht in diesem Bevormundungssystem, sondern in der Selbstthätigkeit, die geweckt werden müsse, liege der wahre und sichere Fortschritt auch auf dem Gebiete der Industrie". Mit dem Handelsverträge scheint ihm eine gemeinsame Handelsflagge für die deutschen Zollstaaten unumgänglich nothwendig, für die er am 27. Juni warm eintritt, und während er am 8. Juli gegen die unbehinderte Machtvollkommenheit des Finanzministers sich erklärt, Stempelmarken auf stempelpflichtigen Schriftstücken zu verwenden: empfiehlt er am 28. desselben Monats die Vorlage der Regierung, betreffend die Aufhebung des Ortsbrief-Bestellgeldes, weil der Briefverkehr dadurch wesentlich zunehmen und eine stete Mehremnahme