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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-15 · Heft 42 (15.10.1867) · p. Seite 848

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 42 (15.10.1867)
Date
1867-10-15
Page
Seite 848 (sequence 20)
Language
German
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848 That die Sache mit einem wahren Feuereifer, wie Oelsner (a. a. O. 72) bezeugt, vielleicht nicht mit dem Grade von Gemessenheit, den ihm reifere Erfahrung geben würde. Die Leidenschaften noch mehr als die Vorurtheile waren in den höheren, geschweige denn in den niedersten Kreisen der freien Reichsstadt so wüthend, daß im Collegium sogar von Todtschlag die Rede war, wenn die Judensache nicht auf dem Wege des Vertrages ins Gleichgewicht gebracht würde. Die Leidenschaft und die Erbitterung gegen die Juden wurde noch durch das Theater angefeuert. Auf Einladung der vornehmen Frankfurter trat der bekannte Wurm auf und setzte die Stadt in Bewegung: Bei überfülltem Hause zog der „Verkehr", ein die Juden verhöhnendes Stück, mehrmals über die Bretter, wurde der „Jude" von Cumberland aufgeführt. Jeder Vernünftige mußte wie Oelsner für einen dummen Streich erklären, daß der heilige Bund ein so albernes, zu Haß gegen die Juden aufreizendes Stück spielen ließ, indeß er sich mit der Judensache beschäftigte; man sah deutlich, daß auch der Bundestag Partei nehme: der „Verkehr", der gleichsam Bühnenstück wurde, wirkte wie ein Coup de Sarii. Die Frankfurter Juden begegneten der öffentlichen Verhöhnung auf der Bühne mit Würde. Bei der Aufführung des „Verkehrs" miethete Rothschild die mittlere große Loge; einem Schauspieler, der seine Rolle sehr mittelmäßig gespielt hatte, sagte ein Herr Salomon folgenden Tags an der Börse: „Ich will Ihnen Unterricht geben und zwar gratis." Besondere Anerkennung erwarb sich in dieser Angelegenheit Rothschild durch sein energisches Auftreten für seine Glaubensbrüder, er stand wegen seines Reichthums — für das Jahr 1815 betrugen Briefe und Staffetten über 59,000 Gulden, 664 Millionen waren in demselben Jahre durch seine Kasse gelaufen — und namentlich wegen seiner außerordentlichen Wohlthätigkeit und seltenen Charakterzüge bei Allen in hoher Achtung, so daß trotz der allgemein herrschenden Vorurtheile ein Wort im „Verkehr", das auf Rothschilds Baronisirung gedeutet werden konnte, heftig gemißbilligt wurde. Die erbittertsten Judenfeinde mußten ihm ob seiner unbegrenzten Wohlthätigkeit Achtung zollen. Im December 1816 schlossen viele der Bemittelten Frankfurts einen Verein, um der ärmern Klasse das Getreide unter Marktpreis zu liefern. Zur Deckung der Verluste wurden freie Beisteuern angenommen. Rothschild, den man bei allen milden Anstalten fand, übermachte dem Verein 540 Gulden. Folgenden Tages erhielt er ein Schreiben des Vorstehers, Herrn v. Bethmann, anfragend, ob, da an der Wohlthat des Vereins keine Juden Theil nehmen könnten, er dessenungeachtet den Beitrag bestehen lasse. Rothschild erwiderte: er kenne keinen Unterschied der Religion, wenn es darauf ankomme, Hilfsbedürftige zu unterstützen, und erhöhte zugleich die Spende um 300 Gulden. Um dieselbe Zeit gab er 30,000 Gulden an die Armen und im Januar 1817 ließ er 140 Kilbert Holz an eben so viele jüdische Familien vertheilen. Der Umstand, daß 140 jüdische Familien holzbedürftig waren, widerlegte die Behauptung der Judenfeinde, daß alle Juden nur Schacher trieben. Es entstand auch wirklich die Idee die Juden in zwei Klassen zu theilen und der ärmern die Ausübung des Bürgerrechts nur unter der Bedingung zu gestatten, daß sie Handwerk treiben. Gegen die bloße Idee empörte sich der eingewurzelte Zunftgeist so sehr, daß einem armen Juden, der sein Armenholz selber sägen und spalten wollte, von den Sachsenhäusern das Werkzeug weggenommen wurde, weil nur sie das Recht haben, derlei Arbeit zu treiben (Oelsner, a. a. O. 48, 84). Rothschild protestirte laut gegen den Vorschlag zweier Abtheilungen aus wahrer Religiosität; sie, die wahre Religiosität, kennt keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, zwischen Orthodoxen und Halb- oder Ganz-Reformern, sobald es die Ehre des Judenthums gilt. Im Laufe der Verhandlungen über die Frankfurter Angelegenheit, welche erst 1824 vertragsweise ihr Ende erreichte, kam es nicht allein in Frankfurt, sondern in den meisten Städten Deutschlands zu offenen Judenverfolgungen, an allen Orten vernahm man 1819 den Angriffsruf Hep! Hep! den der Heidelberger Stadtdirektor Pfister und mehrere vornehme Herren in Karlsruhe mitangestimmt haben sollen. Man sieht aus der Allgemeinheit dieser Ausbrüche gegen die Juden, schrieb Varnhagen von Ense am 3. September 1819 von Baden- Baden, daß Diejenigen irren, welche in unserer politischen Zerstückelung allgemeine durchgreifende Volksbewegungen zu haben meinen. Uebrigens sind diese Stürme gegen die Juden ein Anfang solcher Ereignisse, die ihnen späterhin alle Gleichheit der Rechte mit den Christen von Volkswegen bringen werden. Durch die verschiedenen Mittel, welche die deutsche Nation zur politischen Mündigkeit förderten, wurde die Zeit der Reaction überwunden, und die Juden erlangten die ihnen geschmälerten und verkürzten Rechte und Freiheiten. Kayserling. Anekdote. Jüngst besah sich das wiedergewählte Parlamentsmitglied Meyer v. Rothschild die neue Synagoge in Berlin. Er ließ dieselbe durch den Küster aufschließen, der den Man nicht kannte, ihn aber trotzdem sehr artig überall umherführte, da der „edle Fremde" recht „anständig" und Trinkgelder verheißend aussah. Der große Financier fand, wie ein ganz gewöhnlicher Sterblicher, das Gebäude prächtig und sagte , zum Führer: „Ei, ei, dieser herrliche Bau hat wohl über 200,008 Thaler gekostet?" — „Reich sollen Sie's sein, was er mehr gekostet hat", sagte der Küster und klopfte dem Nabob auf die Schulter. Verlag von Baumgartners Buchhandlung III Leipzig. — Druck von I. B. HirschfelL. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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