Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1867)
- Date
- 1867-09-24
- Page
- Seite 785 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zu-enthums. Femlletm-Seilage Nr. 39. Leipzig, den 24. September 1867. Ans den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. (Fortsetzung.) *) So vergingen einige glückliche Monate, und Jedermann aus dem Hanse Gottheil, welcher im Geheimnisse war, glaubte, daß die letzten düsteren Wölkchen von dem Horizonte der Familie geschwunden seien. Schon war auf das Drängen des jungen Bräutigams der Tag der Hochzeit bestimmt. Wer aber Amalien seit diesem Augenblicke genauer beobachtete, bemerkte bald einige Veränderung an ihr. Sie war ernster, zurückhaltender geworden; das fröhliche Lachen der Jugend, das in der letzten Zeit wie niemals früher auch aus ihrem Munde erschollen war, verstummte. Man sah sie wieder von der Außenwelt abgezogen, in tiefes Sinnen versunken, mit geschlossenenen Lidern sitzen und erst nach wiederholtem Anruf antworten. Dann wieder, wenn sie sich eine Zeit lang um die Dinge außer ihr nicht zu bekümmern geschienen, öffneten sich plötzlich ihre Augen, wie prüfende und glühende Blicke fielen auf ihren Bräutigam, als ob sie ihn auf der verborgenen Waage ihrer Gedanken seinem Werthe und Gehalte nach noch einmal und immer wieder abwäge. Anfangs kam dieser Zustand selten und machte sich kaum bemerkbar. Allmälig kehrte er öfter zurück, legte auf das ganze Wesen des jungen Mädchens das Aussehen schwärmerischer Abwesenheit, wehmüthigen Trübsinns und mußte die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung, besonders des jungen F. wecken. Dieser wurde voll Besorgniß, drang wiederholt in seine Braut, ihm zu sagen, ob und was ihr fehle? Mehrmals abgewiesen, wurde er von ihr eines Abends ersucht, im Laufe des Vormittags sie zu besuchen, und zwar unmittelbar in ihr Zimmer zu kommen. Diese Aufforderung überraschte und beunruhigte ihn. Bis jetzt hatte er niemals den Fuß in das jungfräuliche Gemach seiner Braut gesetzt; sie hatte ihm diese Freiheit nicht gestattet. Mußte es nicht *) In dem vor. Absatz dieses Artikels in Nr. 37 d. Ztg. bitten wir folgende Druckfehler zu verbessern: S. 745. Sp. 1. Z. 7 v. u. lies: „Ausbruch". S. 746. Sp. 1. Z. 1. v. o. lies: „durchbild et er". S. 748. Sp. 1. Z. 2. v. o. lies: „lichter". — Außerdem daselbst Sp. 2. Z. 3. v. u. lies: „ Ursprungs". etwas Ungewöhnliches, etwas Geheimnißvolles sein, was jetzt dieser Aufforderung zu Grunde läge? Er hatte keine Ahnung davon, daß seine geliebte Braut früher etwas Anderes in ihrer Seele gehegt, was dem schönen Kreise fremd sei, in welchem er sie sich bewegen sah. Da dies im Geiste des Mädchens erloschen geschienen, hatten die Freunde, es ihm bekannt zu geben, für unnöthig, ja für zweckwidrig erachtet, da es den jungen Mann nur in überflüssige Besorgniß gestürzt hätte. Bald aber nahm der junge Mann die Bitte seiner Braut von der fröhlichen Seite und meinte, sie habe ihm irgend eine Überraschung, etwa mit einem selbstgearbeiteten Geschenke bereitet. Heiteren Sinnes trat er daher am anderen Morgen in das Gemach Amaliens. Seine Blicke suchten in demselben zunächst das Mädchen seines Herzens. Kaum daß dieselben von der reizenden Einrichtung, von der lieblichen und geschmackvollen Weise berührt wurden, mit welcher es ausgeschmückt war. Er sah sie auf dem Sopha fitzend, ihn erwartend, und mit beflügeltem Schritt, mit leuchtenden Augen und dem heiteren Worte des Grußes eilte er zu ihr hin. Auch sie empfing ihn mit Innigkeit, dennoch aber mit einer zarten Würde und Zurückhaltung, die nicht ohne Eindruck auf ihn blieb. „Du hast mich herbeschieden, theure Amalie", sprach er, „und mit welcher Freude und Dankbarkeit folgte ich Deinem Rufe. Was wünschest Du, liebes Mädchen?" Sie war aufgestanden; er ergriff ihre Hand, und sie ließ sie ihm, und drückte herzlich die seinige. „Lieber Ferdinand", hob sie an, „ich habe Dir bis jetzt noch nicht mein ganzes Herz erschlossen. Nicht, daß ich Dir noch etwas Neues über meine Liebe, meine Ergebenheit für Dich zu sagen hätte. Die Freudigkeit, mit der ich auf Dein Anwerben Dir meine Hand zugesagt, enthielt ja das ganze Geständniß meiner Zuneigung für Dich. Aber gerade darum, weil wir einander für das ganze Leben und ungetheilt zugehören sollen, darf ich Dir auch das nicht verhehlen, was neben Dir meine ganze Seele erfüllt und meinen Geist nach einem großen Ziele hindrängt." F. war von diesen Worten, die mit einer gewissen Feierlichkeit ausgesprochen wurden, wie von dem schwärmerischen Ernst betroffen, der über dieses schöne Antlitz,