Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1867)
- Date
- 1867-08-20
- Page
- Seite 679 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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679 beit, daß sobald eine Anzahl von Juden sich ansässig gemacht, rasch zur Gründung von Gemeinden und Wohlthätigkeits-Gesellschaften geschritten wird, und in Hen meisten Fällen sind diese Gemeinden klein, aber lebensfähig — allein selbst in diesen Verhältnissen zeigen sich Folgen, die nicht zu übersehen sind. Nicht umsonst hat der Jude Jahre lang außerhalb der Grenzen des Judenthums gelebt, er ist indifferent geworden, und es hält ihm oft ungemein schwer, den Amerikaner — der beiläufig gesagt, ein verknöcherter Formenmensch ist, aus, und den für wahre geläuterte Religiosität wirkenden Juden anzuziehen, es hält ihm nicht schwer Tausende zu opfern um einen Tempel zu bauen, tüchtige Redner und treue Lehrer zu fesseln, aber, es ist betrübend aber wahr, es wird ihm oft unmöglich Tempel, Redner und Lehrer zu benutzen, und es hat auf uns immer einen betrübenden Eindruck gemacht, zu sehen, wie an den Sabbathen die herrlichen Tempel leer sind, und wie die besten Reden ungehört verhallen. Es gehört zu den Seltenheiten, wenn im Westen ein Jude am Sabbath sein Geschäft geschlossen hält. Erwähnenswerth ist hier der Fortschritt von Cincinnati, die Königin des Westens gemacht, wo der Sabbath besser geheiligt wird, als in irgend einer andern Gemeinde des Westens. Es kann nicht schwer fallen die Grundursachen dieser Zustände zu ergründen. Der einwandernde Israelit betritt die Gestade dieses Landes mit dem festen Vorsatz, in der möglichst kürzesten Zeit ein möglichst großes Vermögen zu erwerben; die Gesellschaft, in der er sich bewegt, die Mittel, die er ergreifen muß, um die Jagd nach Reichthum erfolgreich zu machen, alles dies hilft ihm vergessen, daß er ein Jude ist. Tritt nun ein Umstand ein, der ihm dies wieder ins Gedächtniß ruft, so tritt er wohl und oft mit dem besten Willen aus den Kreisen heraus, um sich der Religion mehr widmen zu können, aber er bringt eben zu solchen Verbindungen nicht den ftischen, kräftigen Lebensmuth, der ihn befähigt, die große, welthistorische Aufgabe des Judenthums zu erfassen und ausführen zu Helsen. Die Wahrheit dieser Aussage kann ein jeder Gemeindeverband bewahrheiten, denn es macht sich fühlbar, wohin wir blicken, in allen religiösen Beziehungen. Daß aber trotzdem die Gottesreligion gerade hier sich schneller und kräftiger entwickelt als auf anderem Boden, ist wohl ein Beweis der Lebensfähigkeit und Tragkraft derselben, aber nicht der Treue ihrer Träger. Dies gelte als allgemeiner Ueberblick, in meinem Nächsten erlauben Sie mir aus die wahrscheinliche Zukunft des amerik. Judenthums aufmerksam zu machen, in Verbindung seiner zwei großen Fraetionen, der Reform und Orthodoxie in ihrer Gegenseitigkeit. E. Corres pdndenz. Monatsberichte aus Angarn. I.*) Neu-Verbaß, Ende Juli 1867. Seit der Prorogation des Landtages, womit bekanntlich zugleich auch die Lösung der Judensrage verschoben wurde, bildete das in Nr. 30 d. Bl. erwähnte, den Israeliten gegenüber an den Tag gelegte intolerante Vorgehen der Pester Conscriptions-Commission für die Geschwornengerichte den Hauptgegenstand der einschlägigen öffentlichen Discussion. Im Sinne des Preßgesctzes von 1848 sollen nämlich Schwurgerichte Urtheile über Preßvergehen fällen. Solcher Gerichte werden sechs errichtet, u. z. zu Pest, Ofen, Debreein, Eperies, Tirnau und Güns. Die Stadtrepräsentanz zu Pest machte den Anfang mit Entsendung einer Commission zur Entwerfung einer Geschwornenliste; aber, trotzdem der betreffende 1848er Artikel die Juden nicht ausdrücklich ausschließt,**) und trotzdem die Qualification der Israeliten laut Ministerialerlasses vom 17. Mai l. I. nicht in Zweifel gezogen werden konnte, nahm die Commission keinen Juden in die Liste auf, gegen welches Verfahren kein einziger Stadtrepräsentant in der GeneriKbersammlung das Wort erhob. Die gerechte Entrüstung über diese Entziehung des einzigen polit. Rechtes, das die Juden gegenwärtig hierzulande genießen dürfen, gab sich auch sofort in der *) Ungarn ist jetzt das europäische Land, in welchem der Kampf um die Gleichstellung am lebhaftesten geführt wird, und welches darum unsere Aufmerksamkeit ganz besonders beansprucht. Redakt. **) Auch der Gesetzartikel über die Nationalgarde hat ähnliche Fassung, daher auch im I. 1848—49 Israeliten in dieselbe ausgenommen werden mußten. Corresp. 34*