Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1867)
- Date
- 1867-07-30
- Page
- Seite 628 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Matronen und administrativen Arbeiten in's Bett kam, auf dessen Schultern damals die schwere Verantwortlichkeit für das Leben, Eigenthum und die ungeschmälerte Freiheit von Hunderttausenden lastete, dieser Mann besaß an manchen heißen Sommerlagen kaum einige kleine Münze, um — seinen Hunger zu stillen. Ein edler Humor hob ihn ebenso wie sein uneigennütziger Patriotismus über diese täglichen Lebensfragen hinweg. Mancher österreichische Regierungsbeamte mochte über den schlechten schwarzen Frack dieses damals allmächtigen Volksmannes ebenso erstaunt gewesen sein, wie über dessen klaren Ueberblick in den schwierigsten Verhältnissen und Geschäften und über die uneigennützige und unverdrossene Thätigkeit desselben. Wie sehr selbst die erbittertsten Gegner der Wiener Bewegung die Verdienste Fischhof's um den ganzen Staat zu würdigen verstanden, zeigte eine Antwort des Generals Wallmoden in Prag. Zur Untersuchung der Pfingstereignisse war eine eigne Deputation aus dem Sicherheitsausschusse und der Nationalgarde Wiens nach Prag geschickt worden. Als dieselbe von den Vorposten vor den General Wallmoden gebracht wurde und ihre Legitimationen vom Ministerium und vom Sicherheitsausschusse vorwies, sagte dieser Stabsofficier: Pillersdorf, der hat hier Nichts zu befehlen, Fischhof ist ein guter Name! Diese wenigen Worte haben genügt, Fischhof selbst in den Augen der Radicalen eines Einverständnisses mit Fürst Windischgrätz zu verdächtigen. (Schluß folgt.) Kuriosa. Eine echte Künstlerin. Unsere Leser wissen, daß wir über jüdische Künstler und Künstlerinnen, namentlich die der Schauspielkunst und der Musik an gehören, nur dann referiren, wenn sich ein besonderes religiöses und sittliches Interesse damit verbindet. In dieser Künstlerwelt hat sich der religiöse Jndifferentismus und sittliche Leichtsinn so heimisch gemacht, daß man von einem Standpunkte, wie wir ihn einnehmen, am liebsten davon schweigt. Um so freudiger nehmen wir eine Erscheinung auf, die solchem Bilde nicht entspricht, die in Form und Wesen sich edel vor der Welt producirt. Dazu gehört Fräulein Bettelheim aus Wien, die dem westlichen Deutschland soeben an dem in Aachen abgehaltenen 44. niederrheinischen Musikfest nähergetreten ist. In den „musikalischen Briefen", welche der Musikdirector Hiller über dieses Fest veröffentlicht, spricht er sich über sie folgendermaßen aus: „Die Scenen aus dem Orpheus von Gluck gehören zu dem Bedeutendsten, was im Bereiche dramatisch-declamatorischer Musik geschaffen worden. Sie gaben Fräulein Bettelheim Gelegenheit zur reichsten Entfaltung ihres schönen Talentes. Die junge, schon berühmte Sängerin begann ihre künstlerische Laufbahn als Klavierspielerin. Es schadet einer künftigen Primadonna nicht, wenn sie mit Bach und Beethoven vertraut worden, und man darf wohl wünschen, recht viele möchten einen solchen Cursus durchgemacht haben. Ein inniges musikalisches Verständniß zeigt sich dann auch in jedem Tacte, den Fräulein Bettelheim vorträgt. Ihre Stimme, deren llmfang zwei Oetaven überschreitet, ist von seltener Fülle und noch seltenerer Gleichheit des Wohlklanges. Schon im Indus Makkabäus hatte sie bekundet, wie vielseitig ihre Auffassung und ihre Gesangeskunst ist. Mit anmutsvoller Leichtigkeit hatte sie die Arie vorgetragen: „Die Freiheit nur allein giebt neue Pracht dem Sonnenschein." Und in dem Gebete zu Anfang des dritten Theiles sprach sich die hohe Reinheit einer frommen,Seele aus. Mit einer unbezähmbaren, freudigen Hingabe hatte sie in allen Proben gesungen und fast des guten zuviel gethan. Ihre Leistungen im Orpheus zeigten, daß sie dem leidenschaftlichen Ausdrucke nicht minder gewachsen und die feinsten NuancirungenGluck'scherRecitative aufzufassen und wiederzugeben befähigt sei. Und sie hatte in Folge einer Erkältung ihre Stimme nicht einmal ganz ihrer Gewalt—aber sie nöthigte dem Eingeweihteren doppelte Bewunderung ab durch die große Kunst, mit welcher sie dem nicht ganz willfährigen Organ Alles abzugewinnen wußte. Leider giebt es noch kein Mittel, eine Stimme zu photographiren, und man muß, man mag wollen oder nicht, zu mehr oder weniger nichtssagenden Phrasen seine Zuflucht nehmen, um — keine Idee davon zu geben. Daß die Photographie aber manches Schöne anderer Art aufzufassen und unsere Erinnerung davon wenigstens nachzuhelfen im Stande ist, das haben gewiß viele Zuhörer aus dem Aach. Concertsaale bedacht und benutzt." Fräulein Bettelheim hat die Bühne verlassen und einen jüdischen Banquier in Wien geheirathet. Jüngst fand inP ar is eine große Vereinigung der F r eimaurerlogen statt, und es erhob sich eine lange Discussion über die Frage, ob alle Logen gehalten sein sollen, auf ihreDocumente und ihre Versammlungsörter die Formel zu schreiben: „Zum Ruhme des großen Baumeisters der Welt." Man bekämpfte diese Formel, weil sie eine Sanktion des Deismus enthielte, folglich die „Gewissensfreiheit" angreife; man vertheidigte sie allein darum, „weil sie durch eine lauge Ueberlieferung sanctionirt sei." Die Erhaltung der formet wurde nur durch eine Mehrheit von 100 Stimmen gegen 67 entschieden. Solche Verwüstung hat bereits der Materialismus in Frankreich gemacht. Denn man sieht wohl, daß zu dieser Debatte nicht das verschiedene Glaubensbekenntniß, sondern nur die Gottesleugnung Veranlassung gab. Wie leicht kann später in einer ähnlichen Versammlung sich eine Majorität für die Auslöschung des „göttlichen Baumeisters" aus den Documenten der französischen Freimaurerlogen entscheiden. Zweierlei folgt hieraus: zuerst der Verfall der Freimaurerei, denn während man in den französiscken Logen das Bekenntniß Gottes in Frage stellt, halten die preußischen an dem Grundsatz fest, daß nur Bekenner des Christenthums in dieselben eintreten. Zweitens erkennt man auch an diesem Beispiele, wie sehr Bekenntnisse ohne positive religiöse Unterlage in der Luft schweben. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Di*. H. Lotze.